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Thesen
Begriffe und Begrifflichkeiten
Von Marcus Hammerschmitt
Kreuzzüge
Der Begriff ist da. Wie befürchtet, soll der Konflikt, der mit der Zerstörung des World Trade Centers sichtbar geworden ist, nach dem Muster eines Religionskrieges aufgelöst werden. George Bush möchte gern einen „Kreuzzug” gegen den Terrorismus führen. Der Papst der Demokratie ruft all die christlichen Gotteskrieger auf, die schon so lange darauf gewartet haben, ihren islamischen Spiegelbildern mit Macht heimzuleuchten. Sie werden dazu nicht entführte Passagierflugzeuge benutzen, sondern das Equipment der Profis: Bomber, Flugzeugträger und den ganzen Rest. Damit' s auch was wird.
Dabei sein, wenn die Welt untergeht
Im Radio (SWR 3, Sa. 15.9., ca. 11:00 Uhr) kam ein Überlebender der Katastrophe in New York zu Wort. Er berichtete, wie er flüchtend beobachtete, daß die meisten Leute, denen er auf der Straße begegnete, auf das Gebäude zurannten. Einige von ihnen postierten sich vor dem Hintergrund der brennenden Wolkenkratzer zum Gruppenfoto. Interessanterweise wurde das von dem Moderator nicht kommentiert, obwohl es einen wichtigen psychopathologischen Aspekt dieses Konflikts offenbart. Es ist nicht nur die reine Sensationsgeilheit, oder die krankhafte Freude darüber, daß mal wieder was los ist, sondern in den Gruppenbildern vor brennendem Hochhaus bricht sich auf die denkbar groteskeste Weise das Bewußtsein darüber Bahn, dass der ungehinderte Fortlauf der Dinge die Katastrophe selbst ist (W. Benjamin).
Die Welt, die wir uns geschaffen haben, wird als die Katastrophe per se erfahren, und man will unbedingt dabei sein, wenn sie untergeht. Daher neben all der politisch korrekten Betroffenheit auf allen Seiten die tiefbefriedigte Begeisterung über die „Cäsur”, den „eigentlichen Beginn des 21. Jhdts.” etc., ad nauseam.
Zornige Götter
Begeisterung allerorten: Wenn George Bush beim Handling von Armageddon „Statur gewinnt”, ist man begeistert, deutsche Politiker, die nie einen Krieg erlebt haben, sind begeistert, wenn sie sich sturzbesonnen den Mantel der Geschichte umhängen dürfen, die Antiamerikaner und Antisemiten sind sowieso begeistert, daß man es den Yankees mal so richtig besorgt hat, die kommenden Selbstmordattentäter können es kaum noch erwarten. Überall wird diskutiert, wann welche Weltgegend von den Amerikanern in eine Mondlandschaft verwandelt wird (und im Topfavoriten Afghanistan macht der letzte dann kein Licht aus, weil es ohnehin keins gibt), die christlichen Fremdenfresser in den USA freuen sich auf eine neue Sorte Kameltreiber, die sie aufklatschen können, die Feuerwehrleute in New York freuen sich, daß sie an der Börse auch mal ein Knöpfchen drücken, und allgemein herrscht eine Aufbruchsstimmung wie schon lange nicht.
Stunden nach der Tat hatten es alle schon immer gewußt: mußte ja so kommen. Überrascht war anscheinend niemand. Die Wagner-Oper, die jetzt gegeben wird, wirkt wie lange vorbereitet: Zornige Götter sind gekränkt worden, die minderen Helden scharen sich um sie, die Bösen sind schon für die Massengräber vorgemerkt und schwören dennoch im vorhinein für die Rache der Guten schon Rache, auf daß der Ring nie endet. Wie jeder Untergang in der Geschichte will auch der kommende vorher bejubelt sein, hüben wie drüben.
Den Soldaten, die in den I. Weltkrieg marschierten, warfen die jubelnden Mädchen die Grabkränze hinterher, als sie noch lebten, die Überzeugung, daß jetzt tatkräftig, mit aller Entschlossenheit gehandelt werden muß, ist das heutige Äquivalent dazu. Selbstverständlich geht die Welt nicht unter. Nur nachher wird es wieder niemand gewesen sein wollen, bis zum nächsten Mal: Die Welt als fortdauernde Katastrophe.
„Wer war das?” und die Wahrheit...
Weil es keine Möglichkeiten zum rationalen Eingriff gibt, die Erfolg versprechen, geht eine Heerschar von Hobbykriminalisten der Frage nach, wer es denn gewesen sein könnte. Die japanische rote Armee? MI6? Der deutsche Geheimdienst? Kein Gerücht ist zu dumm, um nicht aufgegriffen und diskutiert zu werden. Die verstrahlten Gehirne einer Generation, die mit Akte X aufgewachsen ist, spielen begeistert whodunnit. Sie tut es, obwohl überhaupt keine Rolle spielt, wer es getan hat.
Die Führung der USA hat beschlossen, daß es Osama bin Laden und die Seinigen gewesen sein müssen, also ist das so. Die Wahrheit kann in ein oder zwei Jahren herauskommen, denn dann interessiert sie keinen mehr, und wenn es wirklich bin Laden war, was durchaus möglich ist, umso besser. Daß die Nordvietnamesen die Maddox und die Turner Joy kein zweites Mal angegriffen haben, und daß die irakischen Soldaten keine Frühgeborenen aus den kuwaitischen Brutkästen herausgerissen haben, ist heute bekannt, sogar die Tatsache, daß die Serben im Jugoslawienkrieg gerade so grausam wie die anderen waren, begann sich schon durchzusetzen. Es spielt nicht die geringste Rolle, die entsprechenden Kriege sind vorbei.
Solidarität?
Der geniale Dummschwätzer Nietzsche soll einmal gesagt haben: „Noch hundert Jahre Journalismus, und jedes Wort stinkt.”
Adorno berichtet in „Minima Moralia”, daß selbst Begriffe wie „Solidarität” unter der Verwaltung monolitischer Parteien „erkrankt” sind (er meinte damit den Mißbrauch, den der Staatssozialismus mit dem Begriff getrieben hat). Gestorben ist dieser Begriff erst jetzt. Solidarität meint die Unterstützung von Menschen in einer politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die durch den Angriff eines mächtigeren Gegners in Not geraten sind.
Die Benutzung des Begriffs „Solidarität” setzt voraus, daß diejenigen, die Solidarität genießen sollen, ein unterstützenswertes Motiv in dieser politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung haben. Sogar in Bezug auf die verschütteten Opfer unter den Trümmern des World Trade Centers und ihre Angehörigen ist der Begriff Solidarität falsch, denn sie waren keine Kombattanten in einer gesellschaftlich-politischen Auseinandersetzung, auch wenn eine bestimmte antiimperialistische Schrumpfrhetorik das glauben machen will. Sie wurden einfach nur abgeschlachtet.
Mit Mordopfern ist man nicht solidarisch, denn sie sind tot.
Mit den Angehörigen ist man nicht solidarisch, denn man hilft ihnen allenfalls bei der Überwindung eines Traumas, nicht eines äußeren Gegners. Die jetzt ausgerufene „Solidarität” mit dem „amerikanischen Volk”, von älteren Solidaritätsparolen zu unterdrückten Völkern abgekupfert, meint ja auch etwas ganz anderes. Sie meint rückhaltlose Unterstützung für die Politik der Führung der USA, wie immer die aussehen mag.
Nichts verdient die Führung der USA weniger als Solidarität. Sie ist nicht in Not, wie die Ereignisse deutlich bewiesen haben, ihr Gegner ist nicht übermächtig (und seine tatsächliche Stärke ist in vielerlei Hinsicht ein Ergebnis der Politik, die die Führung der USA betrieben hat), die Motive der Führung der USA sind nicht unterstützenswert. Der Begriff „Solidarität” ist hier genauso unangebracht wie „Auschwitz” angesichts der Situation im Kosovo zu Jahresanfang 1999, und dennoch wird er gebraucht, weil er einen semantischen Mehrwert besitzt: Er macht denjenigen, der ihn benutzt, automatisch zu einem Bündnispartner im Kampf gegen das übermächtige Böse, das durch den festen Schulterschluß der Guten dennoch bezwungen werden kann.
Besonnenheit?
Ein ähnliches Schicksal ereilt dieser Tage den Begriff der „Besonnenheit”. Bis vor kurzem war er ein etwas veraltetes Synonym für den der Vernunft, besonders im Angesicht verwirrender, emotionalisierender oder gar chaotischer Umstände. An der Vernunft wiederum festzuhalten im Angesicht des Chaos ist ein herausragendes Merkmal der Weisheit. Die Besonnenheit, die derzeit verabreicht wird wie Klosterfrau Melissengeist (nie war er so wertvoll wie heute), ist das genaue Gegenteil. Sie meint einerseits die geglückte Anwendung kriegsstrategischer List (also des Extrems der instrumentellen Vernunft) und im schlimmsten Fall ein fadenscheiniges Propagandamäntelchen über der nackten Rachsucht. „Solidarität” und „Besonnenheit” symbolisieren in dem aktuellen kriegsvorbereitenden Diskurs den gegenseitigen Schutz der Unterdrückten und die Fähigkeit zur vernunftgemäßen Entscheidung in Krisensituationen. Von beidem ist die offizielle Politik gleich weit entfernt.
Keine Alternativen
Im Inneren der Festung gehen die Diskussionen in die vorhersehbare Richtung. Für Deutschland sind im Gespräch: Stärkere Überwachung der Kommunikation, Einsatz der Armee im Inneren, restriktivere Gesetze, grenzüberschreitender Datenaustausch in Europa. Daß dies alles Maßnahmen wären, die gegen den Terrorismus von Selbstmordattentätern nichts nützen, macht nichts. Immerhin kann man sie als Demonstration der eigenen Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit verkaufen. Außerdem werden sie sehr nützlich sein gegen die globalisierungskritische Bewegung, sollte die weiter anwachsen.
Gleichermaßen ist ein Kennzeichen des Kriegs, den George Bush ausgerufen hat, daß er bereits verloren ist, wenn es darum geht, „den Terrorismus auszurotten”. Er kann auch 100 oder 200 Milliarden Dollar in die „innere Sicherheit” stecken, jede Toilette mit Videocameras überwachen lassen und das Internet für Privatbenutzer sperren, das wird trotzdem nichts daran ändern, daß Leute, die zu allem entschlossen sind, das hier und da auch tun. Aber die Alternative, die Verbesserung der Welt, will und will dem Präsidenten nicht einfallen.
M. Hammerschmitt (09/2001)
Weitere Informationen
Wo steht der Feind? - Neues von der Moralfront

