Aktuelles 2003
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wie Sie wissen, hat die Innenministerkonferenz im Dezember 2002 beschlossen, Ärzte dazu zu veranlassen, Abschiebungen auch bei Flüchtlingen mit psychoreaktiven Traumafolgen durch eine nur die Flugreisefähigkeit beurteilende Begutachtung zu erleichtern. In den Bundesländern wird dieses Ziel zur Zeit durch Erlasse umgesetzt, in denen die psychischen Folgen einer Rückführung in das Land der erlittenen Gewalt verfälschend und eingeengt dargestellt werden. Wir halten dies für fachlich und ethisch nicht vertretbar.
Es ist uns gelungen, große wissenschaftliche Fachgesellschaften zu einer gemeinsamen Stellungnahme zu veranlassen, ein ebenso ungewöhnlicher wie erfreulicher Vorgang, der nicht ohne Einfluss auf die Abschiebeverfahren bleiben wird. Wir senden Ihnen diese Stellungnahme mit der Bitte, sie zu unterstützen und zu verbreiten, z.B. auf Ihren homepages. Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gierlichs
Stellungnahme der wissenschaftlichen Fachgesellschaften zur Untersuchung von Flüchtlingen vor Abschiebungen:
Wir nehmen Bezug auf die Beschlüsse der Innenministerkonferenz, Kriterien für eine auf die Flugreisefähigkeit eingeschränkte Begutachtung von Flüchtlingen mit psychoreaktiven Traumafolgen einzuführen, und auf die zur Umsetzung dieses Ziels erlassenen Bestimmungen in den Bundesländern.
Als wissenschaftliche Fachgesellschaften und Fachkliniken nehmen wir hierzu Stellung, um zu verhindern, dass im Rahmen der Umsetzung der Beschlüsse wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen psychischer Traumatisierung unzureichend interpretiert und angewandt werden.
Für Menschen, die aufgrund von Gewalterfahrungen in ihren Herkunftsländern unter einer psychoreaktiven Traumastörung, sei es PTSD oder einer der komor-biden Störungen, leiden, bedeutet die Androhung der gewaltsamen Rückführung an den Ort ihrer traumatisierenden Erfahrungen eine Reaktualisierung ihres Leidens, die schwerwiegende Auswirkungen auf den Verlauf ihrer Störung hat.
Die Situation ist vergleichbar mit der eines Kindes, das nach der Flucht vor einem gewalttätigen / missbrauchenden Vater von der Polizei in bester Absicht nach Hause zurückgebracht wird, weil dort angeblich jetzt Ruhe herrsche. Unwillkürlich werden die Gewalterfahrungen wieder erinnert und führen vollkommen unabhängig von der objektiven Sicherheitslage vor Ort zu einer umfassenden psychischen Destabilisierung. Diese Psychodynamik, die zu plötzlichen suizidalen Handlungen führen kann, ist aus einer sachlichen, distanzierten Sicht nicht leicht nachvollziehbar, aber wissenschaftlich hinreichend empirisch und physiologisch belegt (s. z.B. B. van der Kolk et al 2000, „Traumatic Stress”, JungferMann-Paderborn, u.a. S.192).
Hierbei handelt es sich nicht um eine (ggf. vorübergehende) „Flugreiseuntauglichkeit”, also eine durch den Flug selbst ausgelöste Gesundheitsgefahr, der durch zeitlich begrenzte (medikamentöse) Maßnahmen abgeholfen werden kann und die nach der Ankunft beendet ist, sondern um eine Retraumatisierung durch die vorweggenommene Ankunft.
Die zwangsweise Rückführung selbst verstärkt den Traumatisierungsprozess weiter. Seine Behandlungsmöglichkeit im Herkunftsland wird durch eine möglicherweise vorhandene medizinische Infrastruktur nur unwesentlich beeinflusst. In räumlichem Kontakt mit den Orten der Gewalterfahrungen, ist nicht damit zu rechnen, dass bei den Betroffenen ein Gefühl innerpsychischer Sicherheit entsteht, dass für einen Behandlungserfolg notwendig ist. Insofern verbessern im Herkunftsland bestehende Behandlungsmöglichkeiten die Prognose nur gering. Wichtig ist vielmehr, einen sicheren Lebensraum zu ermöglichen.
Wir halten es für wichtig, auf diese Gesetzmäßigkeiten des traumatischen Prozesses hinzuweisen und zu fordern, dass
- für die Begutachtung zur Klärung, ob entsprechende Störungsbilder vorliegen, nur entsprechend qualifizierte Psychiater/Psychotherapeuten eingesetzt werden,
- die in ihrer Urteilsbildung unabhängig sind, und ärztlicher Fachaufsicht unterstehen (z.B. im Gesundheitsamt)
- bei der Entscheidung über eine Abschiebung fachliche Kriterien berücksichtigt werden
- die Fragestellung ergebnisoffen formuliert wird (z.B.: „Liegt aus klinischer Sicht eine ernsthafte Gefährdung der psychischen Gesundheit im Falle einer unfreiwilligen Rückkehr vor?”)
Erstunterzeichner, März/April 2003:
Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) e.V Glinkastr. 5-7, 10117 Berlin
Dipl. Psych. Gertraud Richardt, Präsidentin
Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V.
Johannisbollwerk 20, 20459 Hamburg
Dipl. Psych. Anne Marie Weber, Vorstand
Deutsche Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin (DGPM) e.V.
Beurhausstr. 75, 44137 Dortmund
Univ.-Prof. Dr. med. Paul L. Janssen, Vorsitzender
Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) e.V.
c/o Klink für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin
Universitätsklinikum der RWTH, 52057 Aachen
Dr. med. Guido Flatten, Vorsitzender
Deutsch Türkische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit (DTGPP)e.V.
c/o Psychiatrisches Krankenhaus Marburg,
Cappeller Str. 98, 35039 Marburg
Dr. med. Eckhardt Koch, Vorsitzender
Evangelisches St. Johannes Krankenhaus
Klinik für Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin
Graf von Gahlen Str. 58, 33619 Bielefeld
Dr. med. Luise Reddemann, Chefärztin
Initiative:
Dr. Gierlichs, .
Arbeitsgruppe SBPM,
Hahner Str. 29, 52076 Aachen,
Tel: 02408 5585, .
hwgierlichs@t-onlnie.de
SBPM Projektgruppe „Standards zur Begutachtung psychotraumatisierter Menschen”
Dr. med. H. W. Gierlichs, Koordinator
Facharzt für innere Medizin, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse
Hahner Str. 29, 52076 Aachen, 02408 5589
Dr. med. F. Haenel
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin
Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
Dr. phil. Dipl. Psych. F. Henningsen
Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, Deutsche Psychoanalytische Vereinigung
DPV, Südendstr. 26a, 12169 Berlin
Dr. med. H. Spranger
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin
Fritz Reuter Weg 17, 24229 Strande
Dipl. Psych. Eva Schaeffer
Vorstandsmitglied der bundesweiten AG der Behandlungszentren BAFF,
Tanztherapeutin, Verhaltenstherapeutin i.A., Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge
Benrather Str. 17, 40213 Düsseldorf
Dr. med. M. Wenk-Ansohn
Praktische Ärztin Psychotherapie -, Atemtherapie, Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin,
Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
Dr. med. W. Wirtgen
Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, Refugio München Radeckstr. 4,
81245 München
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