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Thesen
Es gäbe so viel zu tun! Aber sie lassen uns nicht...
Zur „Sozial”politik des Kanzlers, der Regierung und der Opposition
Es gäbe so viel zu tun in diesem Land, und der Kanzler sagte am 14. März 2003 auch sehr richtig, dass sich niemand entziehen dürfe. Der Skandal ist nur, dass er gleichzeitig mit dem Finger auf die Falschen zeigte: auf über vier Millionen Menschen (das sind potenzielle Erwerbstätige...), die jetzt in die Armut geschickt werden sollen! Egal, was sie bislang geleistet haben; egal, wozu sie zu leisten imstande wären!
Ausgerechnet die mit der intrinsischen (von innen kommenden) Motivation haben in diesem System kaum noch eine Chance. Menschen, die wirklich relevante Arbeit leisten können und wollen, haben zunehmend (und bald nur noch) Existenzsorgen. Die „Fremdgesteuerten”, die extrinsisch Motivierten (Geld, Ruhm, Macht), haben dagegen alle Chancen der Welt, und niemand stellt das in Frage oder denkt einmal öffentlich darüber nach.
„Arbeit” und „Leistung”...
Was ist das denn bitteschön?
Ist das Arbeit und Leistung, wenn jemand durch Sport, Spiel und Spaß Millionen anhäufen kann; nur, weil das aktuelle System eben so gestrickt ist?
Ist das Arbeit und Leistung, wenn jemand - von Steuergeldern bestens bezahlt - im EU-, Bundes- oder Landes-Parlament sitzt und nichts tun muss, wenn er/sie nicht will; durchaus Kontraproduktives tun kann; aber in jedem Falle steuernd gegen Millionen von Menschen eingreifen darf; nur, weil das aktuelle System eben so gestrickt ist?
Und ist es dann im Umkehrschluss keine Arbeit und keine Leistung, wenn jemand wenig Geld verdient oder „arbeitslos” gemeldet ist, obwohl er/sie mit einer guten Ausbildung und zahlreichen (oftmals selbst bezahlten) Fortbildungen als Mensch für Menschen arbeitet? Was ist denn das für eine Bewertungssystem?
Und was ist das für ein Menschenbild, was für ein Demokratieverständnis, wenn eine Regierung Steuerungsmechanismen „am grünen Tisch” durch ein paar Menschen, die einer sozialen Minderheit angehören (mit der dazu kompatiblen eingeschränkten Sicht auf die Lebenswirklichkeit), erfinden lässt und mit aller Brutalität durchsetzt? Von Menschen, die ihre „frei erfundenen” Steuerungsmechanismen - genauer: finanziellen Mega-Härten - auf höchst ungerechten Konzeptualisierungen basieren lassen und deren Auswirkungen auf die Gesamtgesellschaft gar nicht überblicken können! Und auch nicht müssen, weil sie dafür niemand jemals zur Rechenschaft ziehen wird.
Weit über vier Millionen Menschen ohne bezahlte Arbeit will Herr Schröder und seine Gefolgschaft demnächst in die Armut schicken und damit endgültig demütigen. Ob die in Versicherungen einbezahlt haben oder nicht, ist dabei egal. Verträge kann man schließlich kündigen. Und Berufspolitiker können das offensichtlich auch im Nachhinein tun; ohne, dass sie jemand des Betruges anklagt.
So viele Millionen Faulenzer, Unfähige und Unmotivierte hat dieses Land?
Das glaubt Herr Schröder und seine Gefolgschaft wohl selbst nicht!
Oder doch? Ja, es könnte sein. Wenn man sich nämlich nur auf sauber geputztem Parkett bewegt, die eigene Existenz niemals zur Debatte steht und ausschließlich mit Managern und ähnlich gestrickten Personen kommuniziert; ja, dann kann das passieren. Aber hat das dann noch mit „Regieren” zu tun? In einer Demokratie?
Weiß dieser Mensch und seine Gefolgschaft denn, wer hinter dieser grauen Masse (immerhin Millionen!) steckt?
Nein. Kann er nicht, will er nicht. Muss er nicht...
Er ahnt nicht einmal, wie viele Leistungsträger/innen diese Gesellschaft hat. Das beste Beispiel sind die zahlreichen Berufsstände im Bereich „Soziales. Da wird immer noch nach der Primitivregel verfahren: „Soziales” kostet Geld. Dabei ist das Gegenteil der Fall, denn die soziale Arbeit von Therapeut/innen, Frauenhausmitarbeiterinnen, Menschenrechtler/innen und vielen anderen federt das Schlimmste noch ab und mindert somit die Kosten und den Anteil öffentlicher Ressourcen! Alle internationalen Studien zu den ökonomischen Kosten der sog. „häuslichen Gewalt” belegen, wer gegenwärtig den größten Batzen de facto bezahlt: die Opfer, die Helfer/innen (meist in unsicheren Arbeitsverhältnissen, unterbezahlt, nicht selten arbeitslos...) und die Steuerzahler/innen! Es sind empirisch nachgewiesene Milliardenbeträge, die gespart werden könnten, wenn man denn endlich ein kurz-, mittel- und langfristig wirksames Konzept wagen würde, das die Verursacher und die Ursachen ins Visier nehmen würde.
Erst dann würde man Geld sparen. Aber dazu müsste man sich der Problematik einmal angstfrei, konsequent und ehrlich stellen. Eine Schweizer Studie von 1998 (Godenzi, Yodanis) belegt sogar, dass die finanziellen Ausgaben für Frauenhäuser und Notrufe die geringsten sind. Peanuts! Kosten für Polizeieinsatz, medizinische Versorgung, Medikamente, Strafvollzug, Arbeits- und damit Steuerausfälle, Sozialhilfe usw. liegen weit höher: um die 400 Millionen Franken allein für die kleine Schweiz. In größeren Ländern wie Kanada, Neuseeland oder Australien geht es dann in die Milliarden. Mit anderen Worten: die Verursacher bezahlen gar nichts. Die bislang das Meiste abfederten und damit Steuergelder einsparten (obwohl sie selbst nur Peanuts kosten), werden nun vermehrt und/oder endgültig in die Armut geschickt. Das ist volkswirtschaftlich dumm und moralisch verachtenswert.
„Niemand darf sich entziehen”... Einverstanden. Aber warum haben sich Schröder und sein Vorgänger („blühende Landschaften”...) entzogen und tun es immer noch? Sie haben tatenlos zugesehen, wie sich eine ganze „Kultur” von Sozialfällen entwickeln konnte; wie mehr und mehr junge Menschen mit 18 Jahren „ihr erstes Geld” dadurch „verdienen”, indem sie einen Antrag auf „Stütze” stellen; wie große Firmen und Konzerne völlig ungestraft auf Kosten von Menschen „rationalisieren”; wie sich Ohmacht breit und breiter macht, weil jeder halbwegs denkende Mensch ganz real erfährt, dass sich Wenige die Taschen immer voller stopfen dürfen und für den „Rest” eben nichts mehr übrig bleibt.
Perspektivlosigkeit! Das ist die Lebenswirklichkeit für immer mehr Menschen. Davon ausgenommen sind Berufspolitiker, Firmeninhaber ab einer bestimmten Größe, Vorstandsvorsitzende, Gewerkschaftsbosse und Beamte. Deren Lobby funktioniert auch. Die anderen, die Mehrheit, hat keine Lobby; oder keine mehr. Und wenn die es wagt, sich zu äußern, wird sie in die „linke” Schublade oder in die „Jammerecke” gepackt. Laut zu Denken und zu Sprechen ist in dieser „Demokratie” fast schon gefährlich geworden. Im „besten Falle” wird das schlicht und einfach eben nicht zur Kenntnis genommen und an niemandens Gehör gebracht. So geht es auch. Nein, so funktioniert es am besten!
Diese Regierung hat ein ungeheures Glück, dass Krieg war oder ist. Das klingt zynisch, ist aber wahr. Denn: es lenkt ab. Die Menschen haben Angst und Wut. Die unmittelbare Erfahrung der Ohmacht regiert die Welt in unseren Tagen. Da greift man auch nach Strohhalmen. Schröder, seine rot-grüne Regierung und die gesamte Opposition würden ohne den Krieg dem ausgesetzt sein, was sie sich redlich verdient haben: Wut und Verachtung gegenüber ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik, der ein Demokratie- und Menschenbild zugrund liegt, das aus alten, schreckensreichen Zeiten stammt.
Um auf die intrinsische Motivation, die nachgewiesenermaßen die beste Voraussetzung für aufrichtiges Denken und Handeln ist, zurück zu kommen: Man muss den Stand der Berufspolitiker besser heute als morgen abschaffen. Die meisten von ihnen sind ohnehin keine demokratiefähigen Menschen. Sie sollten daher alle ehrenamtlich arbeiten, denn in der ehrenamtlichen Arbeit steckt bekanntlich die größte Leistungsfähigkeit, und die Spreu trennt sich so automatisch vom Weizen. Was für ein ungeheuerer Vorteil, denn: sie müssten ihren Lebensunterhalt in der Lebenswirklichkeit verdienen und würden so nie den Kontakt zur Welt und den Menschen verlieren; und sie würden „von innen” heraus reden und handeln; zugleich wüssten sie auch wovon sie reden! Es mag paradox klingen, aber eine solche Maßnahme hätte in unseren Zeiten eine Professionalisierung der demokratischen Politik zur Folge!
Und wie von Zauberhand, ganz von alleine, würde dann ein „Ruck durch die Gesellschaft” gehen, und alles würde sich verändern. Zum Wohle der Mehrheit!
Und dann könnte das BMFSFJ eine Folgekampagne für ehrenamtliche Arbeit starten, die dieses Mal nicht an die Bevölkerung, sondern an die Politiker gerichtet ist. Den Slogan müsste man nicht ändern: „Was ich tue. Ist unbezahlbar.”
Literaturangabe:
Godenzi, Alberto; Yodanis, Carrie: Erster Bericht zu den ökonomischen Kosten der Gewalt gegen Frauen, Fribourg, 1998.
© Monika Gerstendörfer 2003, Zeichen: 7390
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