Aktuelles 2003
An den Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages
Platz der Republik 1
11011 Berlin
rechtsausschuss@bundestag.de
Betreff: Gesetzesreform gegen den unlauteren Wettbewerb, sexistische Werbung.
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Zusammenhang mit dem o.g. Betreff möchten wir Sie auf mehrere Punkte aufmerksam machen. Der erste bezieht sich auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Darin steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar: Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung...”, Artikel 1 GG. Frauen sind auch Menschen. Das wurde in der UN-Weltmenschenrechtskonferenz in Wien 1992 schriftlich bestätigt.
Wie wir erfahren haben, wollen Sie im neuen Gesetz keine Regelungen gegen sexistische Werbung aufnehmen. Wir kennen das aus unserer Arbeit. So saß in der EU-Arbeitsgruppe zur „Cyber Crime Convention” auch die Sexindustrie als mächtige Lobby dabei. Das Ergebnis ist entsprechend und wird weitere Menschenrechts-verletzungen gegen Frauen (Sklaverei, Frauen- und Mädchenhandel, Prostitution u.v.m.) zur Folge haben, weiterhin relativ ungesühnt lassen und damit die Gewalt-spirale weiter ankurbeln.
Die angesprochene Parallele ist angemessen.
Sowohl in der Sexindustrie als auch in der Werbung geht es um Geld. Und sonst nichts. Werbung ist ja nichts weiter, als der gezielte Versuch, möglichst viele Produkte zu verkaufen, möglichst viel Profit zu machen. Zu diesem Zweck werden selbstverständlich die Erkenntnisse aus der Werbepsychologie eingesetzt. Diese Erkenntnisse und die daraus folgenden Umsetzungen und Methoden sind uns bestens bekannt. Was uns aber auch bekannt ist und zugleich besorgt macht, sind die „Ergebnisse”; insbesondere von sexistisch konzipierter Werbung via Text und Bild. Diese sind u.a.:
- Frauen werden verletzt (darüber wird in der heutigen, „hart gesottenen” Zeit mancher nur lachen, aber es ist de facto nicht zum Lachen, wenn man Menschen verletzt);
- es wird ein „Menschenbild” von Frauen (als zu verwertende Fleischressource, als ein auf Teile zu reduzierendes Objekt, als ein verfügbares „ Etwas”) transportiert, das als Vorbild für heranwachsende Jungen und Mädchen dient und längst einen erheblichen Einfluss auf sie hat;
- man verbreitet ein Bild von „Sexualität”, das eher in den Bereich der Zoologie und der Tierpsychologie gehört als in eine humane Gesellschaft.
Mit diesen „Ergebnissen” wird de facto einer der wesentlichen Faktoren für das Zustandekommen von sexualisierter Gewalt gegen Frauen bagatellisiert. Den Zusammenhang dürfte auch ein psychologischer Laie verstehen: das Bild, das man über einen einzelnen Menschen oder über eine Gruppe von Menschen konstruiert und verbreitet, trägt zu bestimmten „Sichten über...” bei. Und Sichten bestimmen wiederum in erheblichem Maße das Verhalten gegenüber...
Doch das ist noch nicht alles: wenn Sie sich einmal ganz konkret das „moderne” Vokabular von Jungen anhören, wie sie über Mädchen und Frauen reden und sich parallel dazu die „Bedürfnisse” von Mädchen anhören (Model werden steht ganz oben) und die damit verbundenen Krankheiten wie Anorexia, Bulimie u.v.m. - dann ist erkennbar, dass wir nach jahrzehntelanger Gehirnwäsche durch die dafür verantwortlichen Medien und die dazu kompatible Werbung nicht nur erhebliche Verhaltensstörungen im Ergebnis vorliegen haben. Das Ganze weist bereits Merkmale einer kollektiven Psychose auf.
Denjenigen, die behaupten, einen solchen Effekt gäbe es nicht, das könne man nicht nachweisen, sei gesagt, dass in dem Falle alle Werbung sinnfrei ist. Denn wenn Werbung keinen Einfluss hat, dann braucht man auch keine Werbung zu machen. Eine überdenkenswerte Schlussfolgerung...
Wir sind der Meinung, dass niemand das Recht hat, einzelne Frauen oder die Frauen als Kollektiv zu verletzen, ihre Körper(teile) zu instrumentalisieren, sie auf eine Ressource zu reduzieren und damit ein in der Tat hanebüchenes Menschen- bzw. Frauenbild zu propagieren.
Und das alles nur, weil einige Wenige Profit machen wollen und eine einflussreiche Lobby haben.
So geht es nicht.
Das ist einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig. Die Grenzen sind nicht nur erreicht, sie sind lange überschritten!
Die Tatsache, dass dies mittlerweile gang und gäbe ist, beinhaltet keine Logik an sich und schon gar keine Rechtfertigung dafür, dass man immer so weiter macht.
Wenn Sie - als Politiker/innen - sich in Zukunft wieder einmal darüber beklagen, dass in unserer Gesellschaft - insbesondere unter den Jugendlichen - keine oder zu wenig Werte und Moral vorherrschen, dann sollten Sie sich einmal darüber Gedanken machen, wie das denn zustande gekommen sein kann?
Wir fordern Sie auf, bei der Reform das Grundgesetz und die UN-Menschenrechts-konventionen einzuhalten und außerdem demokratisch motivierte Menschen nicht wie unmündige Kinder abzufertigen, indem Sie ihre berechtigten Proteste und Anliegen schlichtweg ignorieren.
Frauen und Männer, die gegen sexistische Werbung und Darstellungen protestieren, sind keine prüden Menschen, sondern Erwachsene, die das üble Spiel und die verlogenen Machenschaften auf Kosten von Menschen durchschauen und wissen, dass Sexismus mit Sexualität nichts zu tun hat.
Diese erwachsene Sicht und die damit verbundenen Konsequenzen in den Entscheidungen erwarten wir auch von Ihnen als Volksvertreter/innen. Dies zu Recht.
Über ein Feedback freuen wir uns.
Mit freundlichen Grüßen!
1.10.2003
gez. Monika Gerstendörfer, .
Dipl.-Psych., Presse-Sprecherin
gez. Helga Lübcke, .
Dipl.rer.pol., 1. Vorsitzende
Lobby für Menschenrechte e.V
PF 1030, 72541 Metzingen
Gemeinnütziger und mildtätiger Verein (Amtsgericht Bad Urach Nr. 654)
V.i.S.d.P. Lobby für Menschenrechte e.V.
E-mail: info@lobby-fuer-menschenrechte.de
Kontakt: 07123 – 606 55 (Fax 14406)
Brief der Lobby für Menschenrechte an tallyman.de

