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Thesen

Krieg oder(?) Frieden?

Über die Entmenschlichung und die Freisetzung krimineller Energien am Beispiel der Erfahrungen einer Menschenrechtsorganisation während des Kosovo-Krieges.

Ausgangspunkt 1:

Es ist Krieg in Europa. Die NATO bombardiert Serbien, um das Regime Milosevic und die Vertreibung der Kosovo-Bevölkerung zu stoppen.

Im März 1999 werden zwei US-Soldaten von den Serben gefangen genommen und als DIE Kriegsopfer durch die Medien und die Regierungsvertreter dargestellt. Die Lobby für Menschenrechte reagiert darauf mit einer Pressemitteilung. Das öffentliche Schweigen über den Krieg gegen Frauen soll damit gebrochen werden, denn die tatsächlichen Kriegsopfer sind in der Zivilbevölkerung zu finden; auf beiden Seiten. Dies ist ein längst bekanntes Phänomen. Seit dem 2. Weltkrieg hat sich das Verhältnis der getöteten Zivilist/innen zu den getöteten Soldaten umgekehrt. Im Koreakrieg betrug es 5 zu 1, im Vietnamkrieg bereits 13 zu 1! Diese Tendenz ist steigend (vgl. Gerstendörfer 1995), aber das ist weder in Politik noch Medien jemals zum wirklichen Thema geworden. Auch dieses Mal nicht.

Fakten:

In der Welt der Hightech-Kriegsführung sind insbesondere Frauen beider(!) Seiten, zunehmend aber auch Kinder, durch Vergewaltigungen und andere Formen der Folter zu einer Kriegsstrategie geworden. Die Zivilbevölkerung erfüllt im modernen Krieg eine Funktion, sonst nichts. Sie ist die Zielscheibe der Aggression. Der Preis für sie ist hoch, aber wie für Nullsummenspiele (vgl. Watzlawick 1991) charakteristisch: der Gewinn für die Strategen ist ebenfalls entsprechend hoch. Nicht nur die Börsenkurse stiegen...

Das klassische Nullsummenspiel der Menschheit, der Krieg, bekommt und bekam so noch mehr „Stoff” und Einsatzbereitschaft; noch mehr Eskalationsmöglichkeiten: Je mehr Angehörige der Soldaten auf der einen Seite gemartert und gemordet werden, desto höher die Wut und die Motivation der Soldaten auf der anderen Seite, „Gleiches mit Gleichem” zu vergelten. Die Bilder und Kommentare in der Mediengesellschaft forcieren und unterfüttern das. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte”, und es ist ein „Beweisstück” von hoher Effektivität, verknüpft es doch Kognitionen mit Emotionen, Tatsachen (stattgefundene Greuel) mit unmittelbaren Gefühlen (Angst, Wut, Trauer) und schafft Verwirrungen und Verirrungen, die mit Sicherheit keine guten Ratgeber für die Lösung des Problems sind.

„Wahrheiten”:

Auf diese Weise beschleunigt man sehr konkret nicht nur die Gewaltspirale im unmittelbar stattfindenden Krieg, man schafft durch Bilder auch Eindrücke, die sich in das kollektive Gedächtnis der Gesellschaften geradezu einbrennen. Die Tatsache, daß der Status des Soldaten zunehmend sicherer für das Überleben im Krieg geworden ist, wird jedoch verschleiert und verleugnet. Die Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Kindern im Krieg, erfüllen eine bloße Funktion, indem sie als Beweismittel für die Grausamkeiten der jeweiligen Gegenseite via Bild, Text und Ton weltweit dargestellt und als solche völlig einseitig angeführt werden. Es ist vor diesem Hintergrund nicht von ungefähr, daß die Sendezentralen von Radio und Fernsehen wichtige „Zielobjekte” im Krieg sind. Beide Seiten wollen jeweils recht behalten und ihre Sicht auf die Lage als die einzig zulässige Wahrheit senden. Auch dieser Kampf zwischen den Medien und der Politik ist ein Nullsummenspiel, das nichts anderes bewirkt als weitere Eskalationen. Wer die meisten intakten Mediensender besitzt, besitzt die „Wahrheit”.

Sprache als Waffe:

Die bloße Funktion der zivilen Kriegsopfer zeigte sich im Kosovo-Krieg besonders eindrücklich durch die verwendete Sprache. „Kollateralschäden” waren das. Die Zerbombung von Gebäuden wie Krankenhäusern und anderen lebenswichtigen Einrichtungen und der Tod von Menschen waren ein Preis, der angeblich gezahlt werden mußte. Diese kollateralen Schäden wurden von den Verantwortlichen mit Bedauern (zumindest in den Medien) zur Kenntnis genommen. „Wo gehobelt wird, fallen Späne”... Aber die unpolitische und/oder entpolitisierte Bevölkerung sollte nicht einmal kollateral über solches nachdenken. Das Versprechen und Beteuern, noch zielsicherere und bessere Waffen zu entwickeln, steht! Es beruhigt/e viele. Leider. Die Weltbürger/innen in ihrer Funktion als Steuerzahler/innen dürfen sicher sein, daß sie hierzu auch in Zukunft ihren Beitrag leisten werden, denn das erklärte Ziel ist, den Krieg als „humanitären” zu führen. Die Menschen, die den Zynismus erfunden haben, würden angesichts solcher Sprachführung mit Fug und Recht eine Orgie auf die diesbezüglich stattgefundene Evolution feiern dürfen.

Ausgangspunkt 2:

Im April erreicht die Lobby via E-mail die Nachricht einer/s Informanten/in vor Ort. Er/sie spricht die Gefahr von Frauenhandel und Zwangsprostitution an. Gestrandete Frauen und Mädchen, die ohne Perspektive in Makedonien säßen, seien akut gefährdet. Außerdem erreicht uns die Information, daß Pädokriminelle ihre „Hilfe” über E-mail und andere Kanäle anböten (Z.B. Postings wie „würde drei stramme Jungs aufnehmen” etc.) und Helfer/innen vor Ort vollkommen schockiert über solche Angebote seien. Die Lobby stellt eine Anfrage an die verantwortlichen Ministerien und einige Bundestagsabgeordnete. Die Information wird auch im E-mail-Netz verteilt und auf die Homepage gestellt. Aus den Antworten der Ministerien ergibt sich, daß sie darüber nicht Bescheid wissen; manche teilen jedoch mit, daß sie sich der Sache annehmen möchten. Die Vize-Präsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Bläss, stellt eine Anfrage an die Bundesregierung (schriftliche Fragen für den Monat April). Die UN-Hochkommissarin für Flüchtlinge, Sadako Ogata, bestätigt die Befürchtungen der Lobby zur drohenden Sklaverei:

„Mr President I also wish to share with the Council my deep concerns with respect to the protection and security of refugees. Human traffickers are a serious threat, especially in Albania. They have already started smuggling refugees across the Adriatic into Italy and the European Union. Young women, often forced into prostitution, and children, are frequent victims, particularly when they are hosted in families, and are thus more vulnerable to these threats. This phenomenon will increase if it is not adressed more forcefully, and immediately. There is also a very real risk of forced recruitment of refugees by the Kosovo Liberation Army. I strongly urge governments to discourage this practise.” (United Nations, New York, 5/5/99, Briefing by Mrs. Sadako Ogata, United Nations High Commissioner for Refugees, to the Security Council)

Im Mai bestätigt auch das Auswärtige Amt die Verschleppungen; sogar die von Kindern. Nach einem Interview mit der Zeitung „Welt am Sonntag” erscheint ein Artikel, in dem Recherchen vor Ort vielfältige Bestätigungen - sogar durch die Befragungen von Klosterfrauen - für unsere Befürchtungen liefern (vgl. Welt am Sonntag 2.5.99). Szenen wie im Film sind danach vor Ort abgelaufen. Schwarze Limousinen standen sogar vor den Klosterpforten, um nach jungen Frauen Ausschau zu halten, die dort Zuflucht gesucht hatten.

Fakten:

Aus der Folterforschung ist bekannt, daß es kaum eine perfektere Methode gibt, einen Menschen zu demütigen, zutiefst zu verletzen und sogar zu vernichten, als die Anwen.dung von sexualisierter Gewalt (vgl. u.a. .
Millet 1993,
Oelemann 1999). Dies gilt jedoch nicht nur für einzelne Menschen, auf der individuellen Ebene. Die sog. „Schändung” von Frauen und/oder Kindern ist auch aus Quellen über die Alten Griechen als wirkungsvolle Strategie zur Demütigung des Gegners bekannt (vgl. Doblhofer 1994). Die tiefe Verletzung und Vernichtung eines Volkes ist aus dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien das erste Mal der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht worden durch die sog. „ethnischen Säuberungen” durch die Zwangsschwängerungen der Frauen des Gegners.

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Wahrheiten
Sprache als Waffe
Krieg und/oder Frieden?
Beweise” statt Handeln
No future oder politische Lobby-Arbeit
Kriminelle Energien im Krieg?
Resumeé
Literatur

weiteres von Interesse

Das Komplott gegen die Frauen im Kongo - Anhaltende Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen

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