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Thesen

Die Politik als Boxkampf:

Medienschlacht á la panem et circensis anstatt Demokratie

Bundeskanzler Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber steigen in den Ring”, verkündeten die Medien: auf RTL und Sat1; zur besten Sendezeit die erste Schlacht nach US-amerikanischem Vorbild! Da der Kanzler und viele seiner Kollegen erst vor wenigen Monaten gefordert hatten, wir sollten alle laut sagen: „Ich bin ein Amerikaner”, ist so ein Spektakel durchaus folgerichtig und logisch. Wer glaubte, bei dieser Schlacht informiert zu werden, liest vermutlich seit Jahren nur die Zeitung mit den großen Buchstaben.

Und außerdem: manche von uns wollen überhaupt keine Amerikaner sein! Nicht wenige in diesem Land möchten gerne Europäer/innen sein und bleiben. Das ist auch keine Schande. Im Gegenteil. Es ist vielmehr eine Frage der Identität und damit lebenswichtig! Medienschlachten wollen auch nicht alle (außer denen, die an den Quoten verdienen). Aber bei der schlechten politischen Bildung in diesem, unserem Lande, fanden es die Leute auf der Straße ganz gut, überhaupt einmal „etwas” geboten zu bekommen. Ob man solche (Schein-)Gefechte in einer Demokratie wirklich braucht oder haben sollte, ist mehr als nur fraglich.

Demokratie anstatt Auto-(Konzern)-kratie

Wir brauchen wieder Demokratie; und zwar weniger als offiziell propagierte Staatsform, sondern als konkrete Lebenswirklichkeit: Inhalte und Lebbares anstatt eines bunten Aushängeschildes.

Davon sind wir jedoch weiter weg als je zuvor. Mittlerweile macht noch nicht einmal mehr das demokratisch gewählte Parlament die Politik, diskutiert die möglichen Richtungen und bereitet notwendige Neugestaltungen in der Gesellschaft vor.

Nein, das machen jetzt Kommissionen! Die Hartz-Kommission ist vermutlich nur der Anfang. Deren demokratische Legitimation ist jedoch genauso fragwürdig wie ihre Zusammensetzung: 15 Mitglieder aus Wirtschaft, Politik und Forschung; davon eine Frau! Die vertritt über fünfzig Prozent der Bevölkerung? Das geht nicht. Also ist das eine Kriegserklärung! Und genauso sehen die „Vorschläge” auch aus.

Warum dürfen VW, DaimlerChrysler, McKinsey & Company, BASF und Deutsche Bank, aus deren Reihen die Mitglieder rekrutiert wurden, eigentlich nicht gleich die Regierung übernehmen?

Doch bleiben wir in der gegenwärtig favorisierten Boxsprache. Das passt, denn Boxen ist nicht besonders demokratisch. Das ist jedoch allen Beteiligten von vornherein klar.

Sie wissen also, worauf sie sich einlassen. Das ist fair. Die Zuschauenden konsumieren hier. Sie sind ein Publikum, das etwas geboten bekommt: eine Show: Circensis! Wer hier Parallelen zu unserer politik-verdrossenen Bevölkerung - besser: von der Politik ausgeschlossenen Bevölkerung - sieht, möge das tun.

Von Champions und Herausforderern

Der von den Medien ins Feld geführte Vergleich zum Boxen ist oberflächlich betrachtet recht amüsant, wenn er in manchen Punkten auch ordentlich hinkt. Aber er ist auch bezeichnend, weshalb Vergleiche eine entlarvende Funktion haben könnten: So haben die meisten Champions (das wäre hier Schröder) gegen Rechtsausleger (hier: Stoiber) ihre Schwierigkeiten. Das ist bekannt, und unlängst musste die Boxweltmeisterin Regina Halmich dies gegen Yvonne Caples erfahren. Sie siegte das erste Mal in ihrer Karriere nur äußerst knapp nach Punkten. Schwergewichtler Juan Carlos Gomez, Exweltmeister im Cruiser-Gewicht, musste gar eine Absage eines potenziellen Gegners hinnehmen. Der Grund: der wollte gegen einen Rechtsausleger nicht antreten. Schröder trat an, verhaspelte sich aber ungleich häufiger als sein Herausforderer. Am Ende sollen laut Medienanalyse beide gewonnen haben. Ein solches Ergebnis ist unlogisch, weil es um ein Nullsummenspiel ging, und da gibt es niemals zwei Gewinner...

Jab! Jab!

Interessanter wird der Vergleich zum Boxen schon, wenn man ins Kampfgeschehen eintaucht: im medialen „Ring”, wo Schröder und Stoiber recht steif herumstanden, gab es nämlich so etwas Aufregendes wie: Jab! Jab! Linker Haken, rechte Gerade! Austänzeln. Zweier, dreier Kombination! Körpertreffer und K.O. nicht.

Man kann die Metapher noch so sehr bemühen: die Jungs werden sich auch im nächsten Fight weder ausziehen (Gott sei Dank!) noch werden sie nach sportlich fairen Regeln kämpfen, sondern viel mehr nach der Maßgabe, wer am geschicktesten Unfaires ins Feld führt und das auch noch vertuschen kann.

Beide sind einfach zu alt und zu unsportlich. Mit solchen Voraussetzungen würden sie weder als Boxer noch auf dem heutigen Arbeitsmarkt eine (womöglich bezahlte) Betätigung finden. Im Boxen höchstens als das so genannte „Fallobst”...

Kampfstil und Trainergespann beim Champ

Die linke Führhand beim Kanzler lässt sehr zu wünschen übrig. Stoiber hat noch nicht mal eine.

Und erst das Trainergespann in seiner Ringecke! Hartz & Co.! Leute, die vom Boxen und den dazu notwendigen sportlichen Regeln überhaupt keine Ahnung haben. Die wissen noch nicht einmal, dass es höchst unsportlich wäre, wenn man ein Schwergewicht gegen ein Federgewicht antreten ließe. Sie wissen es wirklich nicht, weil sie, als Schwergewichte, genau das mit ihren Vorschlägen gegen die arbeitslosen Federgewichte nämlich getan haben. Das stört den Champion Schröder aber nicht, weil er schlauerweise völlig andere Regeln aufgestellt hat: unsportliche, undemokratische.

Das „Volk” ist - und hier finden wir die eins-zu-eins-Übereinstimmungen - wie das Boxpublikum: inaktiv. Es darf „konsumieren”. Der Unterschied ist dennoch gravierend: die Bevölkerung, wurde über den reinen Konsum vorher nicht informiert, geschweige denn: gefragt! Den Eintritt darf es freilich zahlen.

Die Rolle der Ringsprecher

„Aaaaand! Here goooooes...! The World Champion ooof WBOoooooooo, IbeeFfff, WBCeeeeeeee .. the one and ooonly.! .”

Nein, leider kommt jetzt kein so ein Vergnügen verheißender Name wie Lewis, Michalczewski, Klitschko, Krasniqi, Schenk, Lang, Brähmer, oder Tua.

Die „Ringsprecher” der Demokratie sind heute die Medien (-Konzerne), die nahezu ausschließlich auf Profit angelegt sind. Und was die ankündigen, ist zwar laut und klingt oftmals auch lang gezogen, verspricht aber selten Vergnügen. Doch das ist gar nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche und zugleich Tragische ist: sie machen nicht ihren Job! Einen demokratischen Auftrag haben sie theoretisch immer noch. Praktisch wird er immer weniger verwirklicht. Nicht wenige von ihnen tun das Gegenteil: sie versenken sogar den Rest an willigem Geist in Plattitüden und bunten Bilderchen. Deshalb ist das Bild des Ringsprechers gar nicht so übel.

Tragik

Manche Fernsehjournalisten und Nachrichtenleute scheinen heutzutage nur noch sich selbst ernst zu nehmen. Den eklatanten Irrtum bemerken sie nicht: ernst zu nehmen sind sie für andere nämlich nur als aktive Schnittstelle zwischen „oben und unten”, zwischen Politik, Wirtschaft, Lobbyisten und Bevölkerung.

Doch in den Redaktionen, dort wo entschieden wird, was wann auf welche Weise veröffentlicht wird, geht es nach eigenen Kriterien. Das sind Kriterien, die mit Demokratie und Informationspflicht nur noch wenig zu tun haben; eher schon mit reinem Kalkül zum Zwecke des Profits. Unter denen, die heute Journalismus studieren, denken viele, zu viele, nicht mehr an einen demokratischen Auftrag, sondern an einen guten Job mit Spaßfaktor.

Viele, zu viele, Politiker von heute „dienen nicht mehr dem Volke und einer Sache”. Sie wollen ihre Jobs behalten und/oder Medienstars sein, sich selbst und ihre Fassade inszenieren. Wer am besten inszeniert und die beste mediale Unterstützung bekommt, „siegt”.

Das Verhältnis zwischen Medien und Politik ist damit ein völlig anderes geworden. Hier genau hört der Vergleich zum Boxen auf. Inszeniertes Theater nützt im Boxring nämlich nichts. Es führt vielmehr zum sicheren Knock-out. Man muss dort schon wirkliche Leistung bringen.

Für die bekannte US-amerikanische Autorin Joyce Carol Oates ist Boxen „eine Metapher für die menschliche Existenz, des Überlebenswillens im Kampf”.

Wenn wir das ernst nehmen, dann würden sich die beiden schlecht trainierten, älteren Volksvertreter im Ring bei RTL und Sat1 mit Sicherheit übernehmen...

Das geschah aber nicht, denn die Frage ist ja: für wen geht es denn um Existenz und um Überleben?

Und wieder hinkt hier der Vergleich, denn bei der „Schlacht” zwischen Schröder und Stoiber geht keiner von den beiden wirklich auf die Bretter und bezahlt selbst für schlechte Leistung. Wir bezahlen. Das zum Konsumieren verdammte Publikum, die Bevölkerung dieses Landes, bezahlt mittel- und langfristig. Um ihre Existenz und um ihr Überleben geht es: Panem!

© MG 2002 Zeichen 7470

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Joyce Carol Oates: Über Boxen. Ein Essay (Orig. „On Boxing” 1987 by the Ontario Review, Inc.), Manesse Bücherei, CH-Zürich 1988. ISBN 3-7175-8120-1

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