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Thesen

Psychosoziale Auswirkungen der Migration

Gemeinsam hauen und stechen

Was sollen wir machen?” So hilflos antworteten Jugendliche, als ihnen ihr extrem hohes Gewaltpotential durch Pädagog/inn/en vor Augen geführt wurde, berichtete der Diplom-Psychologe Sükrü Simsek aus seinen Untersuchungen. Aber möglichen Vorurteilen vorbeugend: Nicht eine ethnische Gruppe haut auf die andere drauf - Türken auf Deutsche oder umgekehrt - sondern entscheidend ist die Gruppendynamik, die sich in einer Gruppe bildet. So können sich auch ethnisch gemischte Gruppen eine Zielgruppe für ihre Gewaltausbrüche aussuchen. Deren Merkmal: Sie muss schwächer sein. „So schlagen Türken auch mal auf Asylanten ein”, erläuterte Simsek Ende Juni in der IFAK-Kindervilla Bochum-Stahlhausen, auch Deutsche und Türken schlossen sich schon zur „Asylantenhatz” zusammen.

Keine Gemeinsamkeiten Von interessanten Versuchen, Gemeinsamkeit zwischen Deutschen und Migranten/innen herzustellen, berichtete der Psychologe, der eine Gemeinschaftspraxis in Recklinghausen betreibt. So sah man ähnlich eines kleinen „Auslandsaufenthaltes” vor, inländisch deutsche Jugendliche in türkischen und türkische Jugendliche umgekehrt in deutschen Familien unterzubringen. Das Projekt scheiterte an allen Beteiligten, da deutsche Jugendliche nicht bereit waren, wenn auch nur für kurze Zeit in türkischen Familien zu bleiben und türkische Familien keine deutschen Kinder aufnehmen wollten. Umgekehrt war es ähnlich: Türkische Kinder wollten nicht bei den „Gavur” (Ungläubigen) leben, deutsche Familien nicht mit einem Moslem. In ihrer gegenseitigen Ablehnung stimmten Türken und Deutsche überein. Dies Verhalten bestärkte Simseks These: Je größer die kulturellen Unterschiede, desto eher entfernen sich die Gruppen voneinander.

Mädchen sind klüger

Aber es gibt auch Trennendes: Deutsche, so stellte Simsek heraus, können sich besser in Türken hineinversetzen, Türken aber nicht in Deutsche. Auch innerhalb der ethnischen Herkunft scheiden sich zuweilen die Wege: Von den wenigen „Migrantenkindern” machen eher die Mädchen als Jungen das Abitur. „Bei den männlichkeitsdominierten Jungs gilt Bildung als weibisch”, so Simsek. Die Jungens erfahren Zuhause weniger Grenzen und weniger Druck als Mädchen. Die eigenen Werte und Normen werden nicht kritisch befragt. Das Resultat: ein schlechtes Deutsch und keine Jobs. Deshalb, so Simsek, bleibt auch die zweite Generation hinter den Erwartungen zurück, denn sie übernimmt oft die Vorurteile der ersten Generation.

Gelungene Migration

Solche Vorurteile sind ein wichtiger Faktor, ob eine „Migration gelingt” oder nicht. Migration ist ein Stressfaktor und stellt hohe Anforderungen an den eigenen Anpassungsprozess, stellte Simsek heraus. Nicht nur die Sprache, sondern Umgebung, Ernährung und Lebensrhythmus ändern sich. Auch Generationenkonflikte treten auf. Gelingt die Migration nicht, sind häufig Migräne, Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen sowie Erschöpfungsgefühle die Folge. Aber nicht jede Migration macht krank. Wer die sozialen Gegebenheiten in der neuen Umgebung eher akzeptiert, bringt die besten Voraussetzungen mit, sich im neuen Kreis wohl zu fühlen. Deshalb sieht Simsek in der integrativen Kultur die einzige Alternative, es gemeinsam irgendwie miteinander zu versuchen.

Thea A. Struchtemeier

Anmerkung: Thea A. Struchtemeier ist Redakteurin der Hochschulzeitung Rubens (hg. v. Pressestelle Ruhr-Universität Bochum) und Mitfrau von „Reporter ohne Grenzen”. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind: Naher und Mittlerer Osten, Frauen in islamischen Gesellschaften.
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