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Thesen

Wo steht der Feind? - Neues von der Moralfront

von Markus Hammerschmitt

TEIL 1

Nein, ich spreche noch nicht von dem „Gegenschlag”, der „Vergeltung”, dem „militärischen Schritt”, der schon angekündigt ist. Ich spreche von dem pausenlosen medialen Trommelfeuer, das uns den kommenden Krieg schmackhaft machen soll. Von Solidarität ist die Rede, von Bündnistreue, davon, daß wir alle Amerikaner seien (wem die Reden von Wilhelm II. vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Erinnerung sind, dem dürfte es bei diesem Gewäsch eiskalt über den Rücken laufen).

Das Heucheleibarometer schießt in ungeahnte Höhen: Sondersendungen, Gottesdienste, Pressekonferenzen bis hinab auf die Ebene von Kleinstadtbürgermeistern, lachhafte Debatten um die Austragung von Fußballspielen und dergl. bleuen dem Zuschauer ein, daß „wir” angegriffen worden sind, „unsere” Freiheit, ja „unser” Leben bedroht ist, und daß dagegen mit allen nur zur Verfügung stehenden Mitteln vorgegangen werden muß. Was ist geschehen?

Eine bisher nicht identifizierte Gruppe hat den größten Terroranschlag in der Geschichte verübt und Tausende von Menschen ermordet. Die Empörung ist groß, der Schock sitzt tief, und bevor noch irgend etwas klar ist, bevor sich auch nur irgend jemand dazu bekannt hat, soll diese Stimmung benutzt werden, damit sich die gesamte westliche Welt im Brustton kollektiver Gekränktheit die Rüstung anlegen und mit dem Säbel rasseln, ja sich darauf vorbereiten kann, Krieg zu führen gegen - ja eigentlich gegen wen?

Den Islam?
Afghanistan?
Osama bin Laden?
Den „Weltterrorismus”?

Der Verteidigungsfall ist eingetreten, aber wer hat „uns” eigentlich angegriffen? Sollte wirklich bin Laden für diese perverse Umsetzung eines schlechten Hollywood-Skripts verantwortlich sein (oder ein Gruppe, die er kontrolliert oder finanziert), und sollten die USA wirklich zu dem Schluß kommen, deswegen ausgerechnet Afghanistan in Schutt und Asche zu legen, dann wäre das einer der grausamsten und blutigsten Witze der Weltgeschichte.

Afghanistan liegt bereits in Schutt und Asche, nach einem jahrzehntelangen Krieg, der unter anderem deswegen so destruktiv und grausam war, weil der Westen und besonders die USA eine Kriegspartei offen und verdeckt unterstützt, in Teilen sogar erst geschaffen haben, die in einem kaum entwickelten Land den verhaßten Sowjets den Krieg bis auf die Grundmauern angekündigt und mit massiver westlicher Hilfe auch bereitet hat. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie an meiner Schule die tapfere Junge Union mit der Sammelbüchse in der Hand durch die Korridore lief, um „Spenden für Afghanistan” einzusammeln. Das war zu einer Zeit, als der CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer mit einem Mudschahedin-Kaffeewärmer auf dem Kopf in Afghanistan herumstrunzte und der Welt verkündete, die Unterstützung der Gotteskrieger sei eine Pflicht aller freiheitsliebenden Menschen. Er ging sogar so weit, die Situation im damaligen Afghanistan als ein „tägliches Lidice” zu bezeichnen. (Heutzutage ist ja überall dort Auschwitz, wo die deutsche Außenpolitik es hinphantasiert).

Als die Sowjets vertrieben waren, begannen die edelmütigen Gotteskrieger so lange untereinander Krieg zu führen, bis sich die Taliban als Sieger aus diesem Streit um die Kriegsbeute herausstellten. Osama bin Laden und seine Ressourcen waren ein integrativer Bestandteil des vom Westen gestützten Kriegsbündnisses gegen die Sowjets, und Selig Harrison, seinerzeit Sicherheitsberater in Washington berichtet, er habe die CIA damals bereits vor diesen Verbündeten gewarnt.

„Ich sagte ihnen damals, sie wären gerade dabei, ein Monster zu kreieren.” Die Antwort darauf, laut Harrison: „Sie sagten mir, daß diese Leute Fanatiker seien, und je fanatischer sie seien, desto fanatischer würden sie die Sowjets bekämpfen.”

Dieselben Leute, die damals als die Leuchte der Freiheit gegen den Weltkommunismus galten, sind heute das neue Weltböse, wie Tony Blair zu verkünden sich nicht entblödete. Wenn der amerikanische Präsident sich heute ein Bild von Osama bin Laden anschaut, dann schaut er in die Fratze der verfehlten Geopolitik seiner Vorgänger aus dem kalten Krieg.

Während diese Zusammenhänge am Tag 1 nach den Anschlägen noch hier und da in den Medien erwähnt werden durften, werden sie jetzt zugunsten einer allgemeinen moralischen Mobilmachung immer weiter in den Hintergrund gedrängt.

Gar nicht werden die offenkundigen Parallelen dieser Vorgänge zu der Unterstützung radikal islamistischer Kräfte in Europa erwähnt, die wie die farcenhaften Wiederholung des afghanischen Dramas in verkleinertem Maßstab wirken:

Um mit Milosevic und dem Restsozialismus in Restjugoslawien fertig zu werden, züchtete man in vollem Bewußtsein ihrer vergifteten Quellen eine terroristische Armee von „Freiheitskämpfern” heran, und sorgte dafür, daß sie bis heute auf dem Balkan die „albanische Frage” offenhalten kann.

Während also jetzt das Weltübel der Zukunft auf dem Balkan erst noch aufgepäppelt wird, bereitet man sich im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA auf den Krieg gegen die Verbündeten von einst vor.

In dieser Situation hat der deutsche Bundeskanzler nichts besseres zu tun, als diesem gehirnamputierten, geschichtsvergessenen und heuchlerischen Geschrei nach Vergeltung seine uneingeschränkte Solidarität zu versichern, und dies natürlich im Namen aller Deutschen, weil er, wie einst Wilhelm II., in der Stunde der zusammendelirierten Gefahr keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kennt, die heutzutage alle Amerikaner sind.

Ich fühle mich angegriffen durch die bodenlose Dummheit der offiziellen Medienberichterstattung.

Ich erkläre mich solidarisch mit meinem Gedächtnis.

Ich distanziere mich ausdrücklich von der demagogischen Verblödung, die als sinnvolle Antwort auf die Terroranschläge in den USA einen NATO-Krieg gegen wen auch immer vorschlägt.


TEIL 2

Wer gestern noch geglaubt hatte, daß der Mount Everest der Verlogenheit von den Edmund Hilarys und Tenzing Norgays aus Politik und Gesellschaft endgültig bezwungen sei, sieht sich heute getäuscht. Es ist ja ein gemeinsames Kennzeichen unserer interessanten Zeiten, daß es immer noch schlimmer geht, aber der Medienterror, der jetzt auf uns hereinprasselt, sprengt alle Dimensionen.

Vorgestern wurden wir mit Bildern von einstürzenden Hochhäusern bombardiert, seit gestern ist das Thema nur noch der Teufel, der dafür verantwortlich sein soll: bin Laden, bin Laden, bin Laden. Während aus den USA schon Angriffe auf Moscheen gemeldet werden, ist man hierzulande noch einen Schritt zurück und begnügt sich noch mit anonymen Morddrohungen an muslimische Gemeinschaften.

Das ganze Geschehen hat den Charakter einer Massenpsychose:

Während die veranstaltete Trauer, die nichts mehr mit der Äußerung von Gefühlsregungen zu tun hat, epidemische Ausmaße erreicht, predigen uns die Priester der Medienkultur, daß wahlweise das Abendland, die Freiheit, der Weltfrieden und alles was gut und recht ist unter Feuer steht, und daß die Rechtschaffenen jetzt handeln müssen. Der Feind ist gleichzeitig vage und klar umrissen, er hat ein Gesicht bekommen, aber er ist nirgends und überall, während man ihn bestrafen wird, wie nie jemand bestraft worden ist, weiß man jetzt schon, daß er überall die Saat des Verderbens bereits gesät hat, und deswegen bis in alle Ewigkeit verfolgt und bekämpft werden muß: der Islam. Nicht nur wird die Tatsache geleugnet, daß man den bewaffneten Islamismus konstant und bis heute andauernd mit Waffen, Geld, Logistik und ideologischer Schützenhilfe da unterstützt, wo es einem geopolitisch sinnvoll erscheint. In einem Akt akuter politischer Schizophrenie hat der US-Außenminister Powell angekündigt, daß jetzt ausgerechnet Pakistan zur Basis des erwarteten Rachefeldzug gegen Afghanistan gemacht werden soll, also genau jenes Land, dessen Geheimdienst mithilfe der CIA die Taliban überhaupt erst geschaffen hat. Die sich herauskristallisierende Mega-Propagandalüge dieses Konflikts besteht in der Behauptung, daß allein der Islam religiösen Fanatismus vorzuweisen hat. Dies, während man sich bereits in den öffentlich rechtlichen Medien Kommentare anhören muß, die wie die Aufrufe eines alttestamentarischen Eiferers zum heiligen Krieg klingen: „Nicht nur in der Stunde der Trauer, sondern auch in der Stunde des Zorns wird Deutschland fest an der Seite Amerikas stehen”.

Tapfer gesprochen, oh ihr Propheten von „Tagesschau” und „Heute”. Mit einem Mal steht durch einen Anschlag auf das größte Geschäftshochhaus der Welt ausgerechnet das christliche Abendland von allen Sünden gereinigt vor der Geschichte da. Daß bin Laden tatsächlich mittelbar oder unmittelbar in die Anschläge verwickelt sein kann, spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr. Er, das ursprüngliche Böse, das voraussetzungslos vom Himmel gefallene Weltübel, das „uns” in all unserer Unschuld vollkommen unvorbereitet getroffen hat, ist die ideale Projektionsfigur für die Schattenseiten, die das rein gute, demokratische, friedliebende christliche Abendland und die allerchristlichste Neue Welt in einem kollektiven Seufzer der Erleichterung von ihren Schultern abwerfen: Seht, wie böse die da sind. Die Kreuzzüge haben nie stattgefunden. 500 Jahre Mord, Terror und Ausbeutung in Südamerika im Namen erst des Christentums und dann der westlichen Demokratie: vergessen. Die stabilen christlich-muslimischen Allianzen bei der Zerschlagung Jugoslawiens: Schnee von gestern.

Die UCK: kennen wir nicht.
Opus dei: gibt's nicht.

Die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften der Vatikanbank, der kein Geschäft zu dreckig ist: nie gehört.

Halbwegs rationale Stimmen, die wenigstens den brüllend deutlichen Zusammenhang zwischen westlicher Politik und totaler Verzweiflung im Rest der Welt ausdrücken, gehen unter in einem blökenden Chor politisch orchestrierter Pseudobetroffenheit und atavistischer Rachegefühle, die im Nadelstreifenanzug auch noch wie das besonnene Maßnehmen des ehrlichen Maklers daherkommen.

Die simple Tatsache, daß alle großen Religionen zu jedem Zeitpunkt ihrer Geschichte militante Bewegungen kannten, die religiösen Eifer unmittelbar in politische Macht umzumünzen versuchten, wird schlicht und ergreifend geleugnet. Aber eine historische Begebenheit wirft ein deutlicheres Licht auf unsere Tage als alle andere: Die Geschichte der Assassinen. Die Assassinen waren eine radikalislamische Terrororganisation, gegründet von Hasan I Sabah (aka „Alter vom Berge”, aka Scheich al-Djebel), die zur Zeit der Kreuzzüge Mordanschläge auf alle verübten, die ihnen nicht passten. Unter Haschischeinfluß wurde den Kämpfern vorgemacht, sie würden nach dem Tod im heiligen Krieg sofort ins Paradies eingehen, mit allen nur erdenklichen Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen konnte. Die Grausamkeit dieser Leute wurde so berühmt, daß „Mörder” auf englisch respektive französisch bis heute „assassin” heißt.

Allein das ist bedeutsam, weil natürlich niemand auf die Idee kommt, die Grausamkeit der christlichen Kreuzritter zur etymologischen Grundlage des Begriffs „Mörder” zu machen, und wenn die islamische Welt das täte, wäre man hier baß erstaunt über soviel Fanatismus. Noch viel interessanter aber ist, was Hasan I Sabah auf dem Sterbebett gesagt haben soll:

„Alles ist erlaubt.”

Und dieses nihilistische Credo ist das wahre Credo aller religiösen Fanatiker, ob sie nun Schlips und Kragen oder Umhang und Turban tragen.

Wir danken Markus Hammerschmitt für eine Abdruckerlaubnis.

PRESSE MITTEILUNG / Nr. 0026/01 - „Gut” oder „böse”? Doppelmoral und Verlogenheit krasser als je zuvor!
8. März 2003 Frauenstreiktag
Kolumne von Naomi Klein
Säuglingssterblichkeit im Irak
Publikationen
Begriffe und Begrifflichkeiten
Naturkatastrophe darf keine menschenrechtliche Katastrophe für Frauen werden!

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