Traumaarbeit im Kosovo
#at von Michaela Huber
#ante Erinnern Sie sich noch an die Bilder, die uns im April 1999
über die Fernsehanstalten ins Wohnzimmer flimmerten? Krieg im Kosovo!
Menschen, die im letzten Winterschnee abwechselnd vor den Kanonen und Gewehren
der Serben und den Bomben der Nato fliehen. Ich weiß nicht, was Sie
dachten, als Sie - wie wir alle - realisieren mussten, dass hier die Deutschen
zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder an einem Angriffskrieg beteiligt
waren, diesmal im NATO-Verbund und auf Beschluss der ersten Rot-Grünen-Regierung.
Der Bevölkerung in ihren jeweiligen Mitgliedsländern hatte die Nato weismachen wollen: “Nur unsere Bomben verhindern die sogenannten ethnischen Säuberungen”.
Doch die Fernsehbilder bewiesen das Gegenteil: Die Serben vertrieben nach
Kriegsbeginn die albanischstämmigen Kosovaren erst recht, sie quälten
sie jetzt erst recht, und sie hörten erst damit auf, als sie auch im
letzten Dorf und im letzten Gehöft ihr Werk beendet hatten.
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Im Haus der Provider
Traumaarbeit im Kosovo
Über die Verstümmelung von Hermaphroditen
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Natürlich weiß ich nicht, wie es Ihnen ging, ob Sie sich von den Bildern
des Grauens, dem Elend in den provisorischen Lagern, den in Schlamm und Kälte,
teilweise ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Windeln für die Kinder oder andere
Hygieneartikel und ohne Zelte, dahinvegetierenden Menschen in besonderer
Weise haben anrühren lassen. Oder ob Sie die Katastrophe im Kosovo mehr oder
weniger kopfschüttelnd registrierten, wie wenige Monate später die Gemetzel
und Vertreibungen in Osttimor oder Tschetschenien und vor wenigen Monaten
den Krieg in Afghanistan.
Ich weiß nur, wie es mir ging, damals, als ich die Bilder aus den Flüchtlingslagern
sah: Ich war aufgewühlt.
Aufgewachsen mit der Losung »Nie wieder Krieg!«,
hatte ich die rot-grüne Regierung gewählt, weil sie unter anderem genau dies
einzuhalten versprach. Und nun half ich mit meinen Steuergeldern, halfen
Politiker, die von mir gewählt worden waren dabei, die Existenz von Menschen
zu vernichten. Es sollte es ein »gerechter Krieg« sein, aber getroffen wurden
– wie in jedem Krieg – vor allem Zivilisten.
Bomben lösen eben keine Konflikte,
sie verlagern sie höchstens.
Ich weiß noch, dass ich im April 99 immer wieder dachte:
“Hier werden an
einem Tag Zigtausende traumatisiert. Welchen Sinn hat dann unser Tun, die
wir versuchen, in mühsamer, jahrelanger Kleinarbeit zerstörte Lebensperspektiven
von traumatisierten Menschen wieder oder zum ersten Mal aufzubauen? Welchen
Sinn macht es, in meinem Beruf in Deutschland zu arbeiten, wenn ich mit meiner
Wahlentscheidung, mit meinen Steuergeldern mithelfe, Menschen in anderen
Ländern - nicht nur im Kosovo, auch in Serbien und demnächst wahrscheinlich
an vielen Stellen der Welt - seelisch und körperlich zu zerstören und ihnen
ihre Existenzgrundlage zu nehmen?”
Mir kam es im Nachhinein betrachtet so vor, als wären wir Deutsche, damals
im April 99, in einen kollektiven Dissoziationsprozess geraten.
Da gab es Amnesie:
Die Fernsehbilder - gleich wieder vergessen; Derealisierung:
Ach, irgendwie wird es schon nicht so schlimm sein; und Depersonalisierung:
Nur nicht fühlen, wie schrecklich es wirklich sein muss. Wir benahmen uns
kollektiv wie eine dysfunktionale Familie:
Das offensichtliche Leid, das
wir mit angerichtet hatten oder das wir durch unsere Untätigkeit weiter
geschehen ließen, wurde bagatellisiert.
Die Bedeutung:
»Die Deutschen werfen
wieder Bomben in einem Krieg«, wurde gleich komplett geleugnet. Das schlechte
Gewissen konnte durch ein paar Hundert Mark Spenden an eine Hilfsorganisation
beschwichtigt werden - ganz so, als handelte es sich nicht um einen Angriffskrieg,
an dem die Deutschen mit teilnahmen, sondern um eine Art Naturkatastrophe.
Statt uns persönlich verantwortlich zu fühlen als »Zoon politicon« - als
politisch denkendes, fühlendes und handelndes Wesen, das die meisten von
uns sicher zu sein vorgeben - gaben wir die Verantwortung ab und hofften,
es gehe alles gut.
Viele fühlten sich gelähmt, sprachlos. Ich erlebte es immer wieder im Bekannten-
und Kollegenkreis: Kaum brachte ich die Sprache auf den Kosovokrieg, erlahmte
und verstummte die Unterhaltung - und dann wurde das Thema gewechselt. War
es im Afghanistankrieg anders? Kaum.
#zu1 Der Kosovokrieg hat mein Leben verändert
Erlauben Sie mir hier eine persönliche Bemerkung: Der Kosovokrieg hat mein
Leben verändert. Er hat mich - die ich in den siebziger Jahren die Hoch-Zeit
meines politischen Engagements erlebt hatte - erneut politisiert. Noch einmal
verlor ich sozusagen meine politische Unschuld. Besser: die vorübergehende
naive Vorstellung, wenn ich nur die richtigen Politiker wählte, würde auch
eine richtige Politik dabei herauskommen und ich könne diesen Politikern
vertrauen. Ohnmacht, Hilflosigkeit, Zorn und Enttäuschung, unruhiges Vorwärtsstreben:
“Da kann man doch nicht untätig zusehen, da müssen wir doch etwas tun!” -
solche Empfindungen und Überlegungen trieben mich im Frühjahr 99 um, wochen-
und monatelang. Und seither, bis heute!
#zu1 Der erste Schritt zum eigenständigen Handeln
Wie es der Zufall so will, wurde ich unmittelbar nach dem Kosovo-Krieg von
Medica Mondiale, einer Hilfsorganisation von Frauen für Frauen, die sich
schon im Bosnienkrieg einen guten Namen gemacht hatte, angesprochen, ob ich
ihnen nicht helfen wolle, ein Konzept für Erstintervention nach Traumatisierung
für die neugegründete Unterorganisation Medica Kosova zu entwickeln.
Wir setzten uns zusammen:
Expertinnen, die vor Ort (gewesen) waren und ich
als Traumaexpertin, erstellten ein Konzept, das die kulturspezifischen Bedingungen
der KosovoalbanerInnen einbezog und das darauf hinauslief, kosovarische Ärztinnen,
Krankenschwestern, Beraterinnen, Hebammen auszubilden, um Frauen und von
da aus Familien zu helfen, mit den sozialen und psychischen Folgen des Krieges
fertig zu werden.
Am Schluss kam dann für mich völlig unerwartet die Frage, ob ich ihnen auch
im direkten Kosovoeinsatz behilflich sein könnte, das Konzept umzusetzen.
Vor den Tagen im April hätte ich sicher gesagt:
“Ach, es gibt in Deutschland
genug zu tun. Nun muss ich nicht auch noch in ein Kriegs- oder Krisengebiet.
Ich leide doch nicht am Florence-Nightingale-Syndrom!”
So aber bat ich mir erst einmal Bedenkzeit aus, und versprach, auch noch
andere Therapeutinnen bzw. Ausbilderinnen zu suchen, die das Konzept vor
Ort umsetzen könnten.
Doch mit wem ich auch sprach, alle Kolleginnen winkten
ab:
“Um Himmels Willen, das halte ich selbst psychisch nicht aus” - “Fahr
du doch erst mal” oder “Vielleicht, wenn sich die Situation da unten mehr
beruhigt hat”,
oder auch ehrlich:
“Das traue ich mir nicht zu”. Ich konnte
das alles gut verstehen, schließlich ging es mir ähnlich, das alles rang
auch in mir.
#zu1 Die Arbeit vor Ort
Trotzdem sagte ich schließlich zu und wusste gleichzeitig:
Hiermit lege ich
mich auf lange Zeit hinaus fest, mehrfach im Jahr ins Kosovo zu fahren. Denn
was nützt das beste Ausbildungskonzept, wenn die Ausbilderin einmal auftaucht,
einen brillianten Workshop abhält - und auf Nimmerwiedersehen verschwindet?
Schließlich sieht das Konzept von Medica vor, einheimische Fachfrauen auszubilden,
die dann ihrerseits mit den traumatisierten Frauen, Kindern und Familien
arbeiten, und ihnen jede - auch supervisorische und therapeutische - Hilfe
zur Verfügung zu stellen. Diese einheimischen Fachfrauen gab es schon. Es
gibt zwei Dutzend Frauen, die einen Halbtagsjob bei Medica Kosova bekommen
haben. Frauen, die selbst durch den Krieg traumatisiert wurden und die trotzdem
bereit waren und sind, diese schwere Arbeit zu tun. Zwei Teams galt es zu
schulen: Zum einen die Frauen von den beiden gynäkologischen Ambulanzen -
Ärztinnen, Hebammen, Krankenschwestern. Zum anderen die Beraterinnen, deren
Erstberufe von Lehrerin über Juristin bis Soziologin reichen, und die in
die Zelte, die zerschossenen und halb aufgebauten Häuser, die abgelegenen
Dörfer und Gehöfte gehen und die Menschen vor Ort betreuen. Dabei suchen
sie vor allem den Zugang über die Frauen, und den bekommen sie auch, denn
ihre praktische Unterstützung und Beratung ist ebenso willkommen wie ihr
offenes Ohr für die Folgen des Krieges und ihre - in Zukunft hoffentlich
wachsende - Fähigkeit, traumatisierten Menschen nicht nur mit ihrer Empathie,
sondern auch therapeutisch-fachkundig beizustehen.
Keine einzige der Frauen hat eine psychotherapeutische Erstausbildung. Keine
spricht deutsch, nur sehr wenige gebrochen englisch und alle sind nicht
nur stellvertretend traumatisiert durch das größtenteils massive Leid, das
sie tagtäglich hören und sehen, sie sind auch selbst traumatisiert.
Nicht gerade eine einfache Aufgabe, die beiden Fachteams zu schulen in Erstintervention
nach Traumatisierung, und dabei ihre eigene Befindlichkeit mit anzusprechen
und sie persönlich zu stärken. Ich unternahm den ersten Versuch hierzu Ende
Oktober/Anfang November 99 und war danach noch zwei Mal zu weiteren Projektstadien
als Fortbilderin, Supervisorin und Mut Zusprechende vor Ort.
Da ich dies zum aller ersten Mal machte und dann auch noch im Ausland und
angewiesen auf die Hilfe einer Dolmetscherin, wollte ich meine Arbeit natürlich
sofort evaluieren, um zu sehen, ob das, was ich da mitbrachte, überhaupt
etwas taugt. Außerdem interessierte es mich natürlich, da die Kosovarinnen,
wie ich bald merkte, über ihre eigenen Traumatisierungen - zumindest zunächst
- wenig bis gar nicht sprechen wollten, ob sie tatsächlich drei Monate nach
Ende des Krieges Anzeichen für PTSD-Symptome (Posttraumatische Belastungsstörung)
zeigten.
Ich konnte sie darauf neugierig machen, nachdem ich erste Arbeitseinheiten
zu Trauma und PTSD durchgeführt hatte, hier für sich selbst einmal nachzuschauen.
Dabei erwies sich die Medica-Dolmetscherin als ein wahrer Glücksfall:
Die
23jährige ehemalige Germanistikstudentin aus Pristina dolmetschte glänzend
und einfühlsam, außerdem übersetzte sie die von mir eingesetzten Fragebogen
ins Kosovoalbanische.
Vorher-Nachher-Messungen mit Hilfe von Fragebogen zeigten:
Nach der Fortbildung sank die Rate der PTSD-Symptome – die bei ausnahmslos
allen Kosovarinnen ganz erheblich war - bei den Teilnehmerinnen deutlich,
sogar signifikant.
Was also habe ich gesehen und erlebt im Kosovo, das von den KosovoalbanerInnen
jetzt in ihrer eigenen Sprache »Kosova« genannt wird?
Bei der Rückkehr ertappte
ich mich dabei, dass ich auf entsprechende Fragen - sicher überraschend für
die Fragenden - meist zunächst mit einem Satz antwortete wie: “Ich fühle
mich reich beschenkt”.
Ja, es stimmt. Ich fühle mich reich beschenkt. Zuallererst fühle ich mich
reich beschenkt durch die Liebenswürdigkeit und Offenheit, die Gastfreundschaft
und begeisterte Aufnahme, die ich und die meine Arbeit in »Kosova« erfahren
haben. Sowohl die anwesenden deutschen Medica-Kosova-Mitarbeiterinnen, als
auch die Kosovarinnen haben sich sehr über meine Hilfe gefreut. Und da ich
mich ebenfalls als Lernende begreife und meinerseits mit Offenheit und Freundlichkeit
auf sie zuging, entstand eine gute Atmosphäre: Es wurde hart und konzentriert
gearbeitet, aber auch viel gelacht, manchmal heftig, aber nie verletzend
gestritten, und es war immer spürbar, dass es etwas Gemeinsames gab, das
unsere Kreativität und Intelligenz ebenso herausforderte wie unsere Fachkompetenz
und unser Improvisationstalent, etwas, für das jede von uns sich im Zweifelsfall
auch zur Disposition stellte: den Kosovarinnen zu helfen, sich zu einem selbständigen
Unterstützungsprojekt zu entwickeln.
Reich beschenkt fühlte ich mich aber auch durch das Vertrauen und die Lernbereitschaft,
ja Lernbegierde, die mir die Teilnehmerinnen des Workshops entgegenbrachten.
Dies half mir sehr, den Frauen - fast alle Mütter mehrerer Kinder, die zunächst
einmal glaubten, ihr Job bedeute so etwas wie »Mutterschaft als Beruf« -
die eine oder andere Einstellungsänderung nahe zulegen.
Zum Beispiel, dass
sie einen Unterschied machen dürfen, ja machen müssen, zwischen einer Zeit,
in der sie für ihre Klientinnen bzw. Patientinnen da sind, und einer Zeit,
in der sie sich selbst regenerieren und ihre Ressourcen auffüllen müssen.
So habe ich mich dafür entschieden - und der Erfolg zeigte, dass dies richtig
war -, gut die Hälfte der Seminarzeit explizit mit dem Thema Ressourcen zu
verbringen.
Hierzu nur ein Beispiel, weil es mich selbst so überrascht hat:
Diese Frauen, die sozial sehr angepasst zu sein scheinen und deutlich enger
als wir hier in westlichen Ländern in ihre Familien eingebunden sind, hatten
keinerlei Probleme damit, eine Übung zu machen, wie sie eine große und starke
Pflanze werden und sein können. Als ich sie bat, die Pflanze, die sie in
ihrer jeweiligen imaginativen Arbeit vor ihrem geistigen Auge gesehen hatten,
zu malen, haben bis auf zwei Frauen alle eine starke Einzelpflanze gemalt,
die groß und mittig auf ihrem Zeichenblatt prangte!
Und das, obwohl ich in
der Übungsanleitung auch angeboten hatte, die Pflanze könne vielleicht Ableger
haben bzw. von anderen Pflanzen umgeben sein. Zwar traute ich mich - es war
erst der zweite Seminartag - noch nicht, dies so offen auszusprechen, weil
ich nicht wusste, inwieweit die Frauen hier ein gesellschaftliches Tabu ihrer
Kultur über Bord geworfen hatten, aber auf jeden Fall wurde anhand der Bilder
deutlich, dass die Frauen sich zumindest unbewusst als starke Einzelindividuen
wahrnehmen konnten.
Und so haben mich die Kosovarinnen in vielfacher Hinsicht positiv überrascht:
Sie sogen auch die Theorie auf wie ein Schwamm Wasser und gaben zu erkennen,
dass sie sie anwenden werden und damit umgehen können. Von Tag zu Tag trauten
sie sich mehr, in der nachmittäglichen Supervisionseinheit aus ihrem schwierigen
Berufsalltag zu berichten. Wir konnten sogar beginnen, über ihre eigenen
PTSD-Symptome zu sprechen, und auch über die Schuldgefühle, die sie hatten,
wenn sie mitten in der Hölle aus Flammen und Folter, Bomben und Gewaltorgien
zu gelähmt gewesen waren, um der Soldateska rechtzeitig zu entfliehen und
sich schämten, weil sie ihre Kinder angeblich nicht genug geschützt hatten.
Dabei stellte sich heraus, dass viele von ihnen sich geradezu heldinnenhaft
benommen hatten, indem sie Angehörige, Freunde und Patienten vor oder aus
dem Inferno gerettet hatten. Nie hat eine das selbst erzählt - die anderen
haben es mir »gesteckt«.
Schuldgefühle hatten viele auch nach dem Krieg, z.B. weil sie ihr Haus schon
wieder aufgebaut hatten, während das Nachbarhaus noch eine ausgebrannte Trümmerlandschaft
war und die Nachbarin noch bei Verwandten in beengten Verhältnissen hausen
musste. Sie hatten Schuldgefühle, wenn ihr Mann lebend aus den Wäldern heimgekommen
war, die Schwägerin aber ihren Mann noch vermisste. Überhaupt, die vermissten
Männer: Wie immer, wie nach jedem Krieg mussten die Frauen die Last der Familien
über viele Monate allein tragen.
In der Region um Gjakova, der Stadt, in
der das Medica-Kosova-Team seinen Sitz hat, sind 2.000 Männer im Krieg verschwunden.
Mehrere Hundert wurden in Massengräbern gefunden, und so manche Frau hat
der Anblick ihres zerschundenen und erschlagenen Lebensgefährten in den Wahnsinn
getrieben oder in endlos wiederkehrende Flashbacks und/oder dauerhafte Apathie.
Etwa 1.500 Männer saßen noch anderthalb Jahre später in serbischen Gefängnissen,
niemand wusste, wann sie heimkommen (erst zwei Jahre nach dem Krieg kamen
achthundert von ihnen, bis aufs Skelett abgemagert und von Folter fürs Leben
gezeichnet, nach Hause).
Vielleicht können Sie erahnen, was da noch in den
nächsten Monaten und Jahren auf die Frauen und Kinder, auf die Familien und
das gesamte soziale Gefüge in Kosova zukommen wird - allein aus dieser Tatsache,
ungeachtet all der anderen grausamen Erfahrungen, welche die Bevölkerung
verkraften muss.
Ich könnte Ihnen viele grausame Schicksale schildern, viele grässliche Einzelheiten,
doch zurück zur »Arbeit«: Ich habe den kosovarischen Mitarbeiterinnen von
Medica bereits am vierten Tag Reorientierungstechniken beigebracht, also,
wie sie sich und ggf. auch ihre Patientinnen aus dem Versinken in Traumaerinnerungen
herausholen können. Ich habe ihnen gezeigt, wie sie die Bilder, die viele
nicht aus dem Kopf kriegen konnten, über eine »Bildschirmtechnik« auf eine
Leinwand projizieren und von dort aus auf einen »Film« distanzieren und »wegpacken«
können.
Einige Frauen berichteten bereits jeweils am nächsten oder übernächsten
Tag, sie hätten das Gelernte schon angewandt. Eine Hebamme zum Beispiel berichtete
von einer Patientin, die sie sehr mochte, sie nannte sie »die Intellektuelle«.
Sie sei mit ihr schon völlig verzweifelt, da die Patientin bei jedem Kontakt
sofort wie manisch darauf zu sprechen kam, wie ihr Mann vor ihren Augen erschossen
wurde.
Die Hebamme sagte:
“Ich wusste, ich konnte das einfach nicht länger
ertragen. Ich wusste, ich würde sie bald im Stich lassen, weil ich es einfach
nicht mehr hören konnte. Ja, und dann habe ich die Bildschirmtechnik mit
ihr gemacht, gleich gestern noch. Und dann haben wir den Film weggepackt.
Das hat funktioniert. Und zum ersten Mal wirkte die Frau wie aufgehellt,
als sei sie dabei aus einem lebenden Alptraum zu erwachen.”
Können Sie sich
vorstellen, dass ich mich trotz der harten Arbeit reich beschenkt fühlte?
Natürlich gibt es noch unendlich viel zu tun. Fortbildungen allein reichen
nicht, um Traumaarbeit effektiv zu machen. Die KosovarInnen müssen auch alle
kulturellen Möglichkeiten – Geschichtenerzählen, Tanzen, Singen, Trauerrituale
etc. – benutzen, bis die »international« entwickelten Möglichkeiten zu ihrem
eigenen Handwerkszeug sicher hinzugefügt werden können. Und es gibt Weiteres
zu tun.
#zu1 Hilfe zur Selbsthilfe ist weiter notwendig
Medica Kosova und andere Hilfsorganisationen brauchen nach wie vor Unterstützung,
um die Projekte, die Hilfe zur Selbsthilfe bedeuten, weiterzuführen. Hier
konkret: Traumaaufarbeitung von Kosovarinnen für KosovarInnen vorzubereiten,
supervisorisch zu begleiten und umzusetzen. Erst im zweiten Schritt wird
es, im Kosovo wie in anderen Kriegs- und Krisengebieten, darum gehen, Psychotherapien
im Sinne von Traumatherapien durchzuführen. Denn die Zahl der traumatisierten
Frauen, Kinder und alten Menschen ist Legion.
Die Männer für Behandlungen zu gewinnen, ist aufgrund der archaisch-patriarchalen
Grundeinstellung im Kosovo besonders schwierig. Des weiteren müsste dringend
für Kinder, nicht nur, aber besonders natürlich für die Kriegswaisen, Betreuung
und Traumabehandlung angeboten werden. Damit die Traumata nicht, wie es in
Bosnien geschah (siehe Süddeutsche Zeitung, 23. 2. 2002) „an ihre Kinder
vererbt“ werden. Auch hierfür braucht man in Kosova mehr ausgebildete Kinder-TraumatherapeutInnen,
die bereit wären, entsprechende Projekte aufzubauen, das mit den bestehenden
Hilfsorganisationen kooperieren.
Wie die Gründerin von Medica berichtete, gab und gibt es in bezug auf Kosova
eine paradoxe Situation: Oft gebe es bei Krisen oder Kriegen viele Hilfswillige,
aber wenig Geld, sie zu entlohnen, dieses Mal seien die Gelder da gewesen,
aber kaum eine/r wollte dort hin. Inzwischen winken fast alle ab: Neue Schauplätze
des Grauens - wie Afghanistan - locken neue Spendengelder an. Der Balkan?
Vergessen!
So haben sich - und damit bin ich wieder beim Anfang - die Bilder des Krieges
doch in den Köpfen festgefressen. Kosova, Afghanistan, Tschetschenien, Osttimor,
und viele andere Orte der Welt wirken auf satte Bürger der »ersten Welt«
so, als handle es sich um Abbilder eines Danteschen Infernos, nachdem jemand
das Feuer ausgemacht hat.
Theoretisch und auch vom Grad der Zerstörung aus betrachtet ist das gar nicht
so verkehrt. Aber wer nur das sieht, übersieht, dass die schwierigen Phasen
noch kommen.
#zu1 Die schwierigen Phasen kommen noch
Wenn die starken Frauen erst einmal zusammenbrechen dürfen; wenn, wie erst
vor wenigen Monaten geschehen, die Männer nach Folter und Gefangenschaft
heimkommen; wenn immer mehr Kinder verhaltensauffällig werden; wenn junge
Männer den nächsten Krieg planen; wenn »der Serbe in der Seele« entdeckt
wird - also die Täterintrojekte, die jetzt noch absolut tabuisiert sind -,
dann beginnen die nächsten schwierigen Phasen.
Bislang sind wir erst in
#pu Phase I nach dem Krieg:
Die Menschen sind froh, überlebt zu haben, und
bauen ihr Land auf. Die traumatisierten Menschen sind bislang immer noch
weitgehend die anderen.
#pu Phase II deutet sich an:
Sich selbst als Gewaltopfer wahr- und ernst
zunehmen. Doch erst danach kann etwas geschehen, was die internationale zivilisierte
Gemeinschaft auch von den KosovarInnen erwarten muss, nämlich
#pu Phase III:
Die Widerspiegelung der Gewalt in der eigenen Psyche unter
Kontrolle bringen, um nicht die eigenen Kinder oder den unschuldigen serbischen
oder Roma-Nachbarn weiterzuquälen und den Zirkel der Gewalt fortzusetzen.
Ich bin überzeugt, die KosovarInnen sind bereit, sie wollen das lernen,
wollen die Bewältigung. Helfen wir ihnen dabei, vielleicht hilft das uns,
unser eigenes Entsetzen über diesen Krieg, an dem Deutschland nicht ganz
unschuldig ist, zu bewältigen. Mir jedenfalls hat der eigene Einsatz, die
praktische und solidarische Unterstützung - wie ich glaube an der richtigen
Stelle – geholfen, das eigene Gefühl der Wut und Hilflosigkeit zu überwinden.
Michaela Huber, Zentrum für Psychotraumatologie, Ludwig-Mond-Str. 45 A, 34121 Kassel
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