Aktuelles 2003

WENN SICH KRIEG IN KINDERTRÄUME SCHLEICHT

Säuglingssterblichkeit im Irak schon jetzt beängstigend

Ayats blaues Tuch mit den weißen Punkten ist der einzige Farbtupfer in der grauen Straße im Shawaka-Viertel in Bagdad. Das grelle Licht der Sonne beleuchtet die abblätternden Fassaden der umstehenden Häuser während ein Abwasserrinnsal den festgetretenen Weg aufweicht. Die 13-Jährige kauert vor der stinkenden Brühe und klaubt Reiskörner aus dem Dreck. Die armselige Beute aus Essensresten will Ayat den Nachbarn als Hühnerfutter verkaufen. Das Mädchen lebt allein mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern. Was die Mutter als Putzfrau verdient, reicht längst nicht, um die vierköpfige Familie zu ernähren. Jeder Dinar zusätzlich hilft. Kinderarbeit ist Alltag Ayats Schicksal ist Alltag im Irak. Die Zahlen, die UNICEF vorlegt, sind erschreckend. Jedes vierte Kind geht nicht zur Schule - die meisten Jungen müssen Geld verdienen, während sich die Mädchen um den Haushalt kümmern, damit auch die Mütter arbeiten können. Doch weniger die fehlende Bildung, als vor allem die um sich greifende Armut und die damit einhergehende Mangelernährung machen Hilfsorganisationen wie UNICEF Sorgen. Schon jetzt seien die irakischen Kinder in hohem Maße von Hilfe abhängig, erzählt Rudi Tarneden, Sprecher für UNICEF-Deutschland. Kriege und internationale Sanktionen hätten gerade die einfache Bevölkerung geprüft, wie in sonst kaum einem Land. „Natürlich gibt es auch Gewinner. Sie können Luxuswagen in Bagdad sehen, und auf der Edelmeile in der Hauptstadt können Sie alles kaufen. Das ist aber die Ausnahme”, sagt Tarneden. 60 Prozent der irakischen Bevölkerung sind abhängig von Lebensmittelhilfen. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit in dem einst so reichen Land ist vergleichbar mit Entwicklungsländern wie etwa Pakistan. Und sie steigt stetig. Während in den 80er Jahren etwa 56 von 1000 Kindern unter fünf Jahren starben, sind es heute 136. Jedes siebte Kind erreicht sein sechstes Lebensjahr nicht.

400.000 Kinder sterben

Xanthe Hall von der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.”) spricht von 400.000 Kindern, die seit 1991 an den Folgen der internationalen Sanktionen gegen Irak gestorben sind. So können viele an Krebs erkrankte Kinder nicht oder nicht ausreichend behandelt werden, weil die notwendigen Materialien und Medikamente für Bestrahlungen oder Chemotherapien nicht eingeflogen werden dürfen. „Nehmen Sie Chlor,” sagt Rudi Terneden. „Chlor ist dringend nötig, um das Trinkwasser sauber zu halten. Da es aber auch als Gift verwendet werden kann, ist die Einfuhr verboten.

Golfkriegssyndrom bei Kindern

Wie Rudi Terneden vermutet auch Xanthe Hall, dass die gehäuften Krebserkrankungen bei Kindern vor allem aus dem Süden des Landes mit dem vergangenen Golfkrieg, möglicherweise gar mit dem so genannten Golfkriegs-Syndrom zusammenhängen. „Die Indizien sind da, beweisen können wir es nicht”, sagt die Britin. Aber es ist nicht der Krebs, der die Kindersterblichkeit vor allem in die Höhe treibt. Grund sind in den meisten Fällen Durchfall und Atemwegserkrankungen, ausgelöst durch schlechte Ernährung und verschmutztes Trinkwasser. Rund eine Millionen Kinder im Irak sind unterernährt, etwa 240.000 so stark mangelernährt, dass sie dringend Hilfe benötigen.

Krieg trifft zuerst die Kinder

Erst in den vergangenen Jahren konnte im Irak - unter anderem durch die Unterstüzung von UNICEF - ein enges Hilfs-Netzwerk geknüpft werden. In eigens eingerichteten Stationen werden die Kinder regelmäßig geimpft, gewogen, gemessen und mit dem Nötigsten versorgt. Eine Unterbrechung dieser Hilfsleistungen durch einen Krieg würde vor allem die rund 3,5 Millionen Kleinkinder unter fünf Jahren treffen, da ist sich Rudi Tarneden sicher. „Die Bevölkerung im Irak ist weniger widerstandskräftig, ist verletzbarer geworden. Sie würde einen Zusammenbruch der Infrastruktur nicht überleben. Und der Krieg trifft zuerst die Kinder.” Das bestätigt auch eine internationale Studie, die unter anderem im Auftrag des IPPNW durchgeführt wurde und Ende Januar erschienen ist. Die Ärzte, die unter Leitung ihres kanadischen Kollegen und des Irak-Kenners Eric Hoskins, den psychischen und physischen Zustand der Kinder in Bagdad, Basra und Kerbala untersucht haben, rechnen im Kriegsfall mit einem Massensterben unter den 13 Millionen irakischen Kindern. „Die Opferzahlen unter den Kindern könnten in die Hunderttausende gehen”, sagt Hoskins.

Vierjährige mit Kriegs-Alpträumen

Sein Team konnte schon bei den ganz Kleinen eine erhebliche Furcht vor einem neuen Krieg feststellen. Rund 40 Prozent der Kinder im Irak glaubten nicht, dass das Leben lebenswert sei. Bereits Vierjährige hätten eine klare Vorstellung davon vermitteln können, wie schlimm ein Waffengang werden könnte, viele von ihnen leiden unter Alpträumen. Die Studie kommt zu dem Schluss: „Irakische Kinder sind bereits schwer traumatisiert durch zwölf Jahre Wirtschaftssanktionen. Der drohende Krieg erfüllt die Kinder mit Angst und Sorge, er deprimiert sie.” Um die Wucht, mit der ein Krieg die Menschen im Irak treffen würde, etwas abzumildern, laufen die Vorbereitungen bei den Hilfsorganisationen auf Hochtouren. Wasserwerke werden kontrolliert und Notaggregate gecheckt, damit die Wasser-Versorgung gesichert ist. UNICEF hat Basislager im Land und in Nachbarstaaten wie Iran oder Jordanien eingerichtet, in denen Hilfsgüter für rund eine Million Kinder vorbereitet sind. Dazu gehören über 1000 Tonnen hoch proteinhaltige Kekse, Milchpulver und andere Nährmittel, Medikamente, Materialien zur Wasseraufbereitung und vieles mehr. In den Flüchtlingslagern werden zudem Kinderzonen eingerichtet, damit auch hier die regelmäßigen Untersuchungen stattfinden und Geburtshilfe geleistet werden kann. Suche nach Eltern Besondere Sorgen machen UNICEF im Falle eines Krieges Waisen und unbegleitete Kinder. „Die meisten Kinder haben noch Familie, die sie aber irgendwo auf der Flucht verloren haben”, erzählt UNICEF-Mann Terneden. Mit Suchprogrammen und großen Fotowänden wollen die Helfer in solchen Fällen die Eltern wieder ausfindig machen. Außerdem soll auch Schulunterricht ermöglicht werden. Dafür liegen fast hundert Zelte, Tafeln und Bücher bereit. Im Süden des Landes wurde - nach Auskunft von UNICEF - ein Übereinkommen mit den Behörden getroffen, Ausbildungsprogramme für Lehrer zum Thema Trauma anzubieten. Rudi Terneden seufzt, wenn er an diese Vorbereitungen denkt. „Wir wollen natürlich keinen Krieg. Aber es ist abzusehen, dass er kommt, Und es wäre naiv, sich nicht darauf vorzubereiten.

Quelle

PRESSE MITTEILUNG / Nr. 0026/01 - „Gut” oder „böse”? Doppelmoral und Verlogenheit krasser als je zuvor!

8. März 2003 Frauenstreiktag

Kolumne von Naomi Klein

Wo steht der Feind? - Neues von der Moralfront

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